Zu hoher Energieverbrauch: Klimaschutzgesetz hat für Kirchen in und um Berlin gravierende Folgen – Berlin

Wer verzichtet, hofft auf Dank oder Lohn. Selbstlose gute Taten sind selten. Die Diät soll den Körper entschlacken, gesund machen, beim Abnehmen helfen. Wer spart, kann im Alter eine Weltreise machen. Beim Fasten wird die Seele gereinigt. Per aspera ad astra, sagt der Lateiner, „durch das Raue zu den Sternen“. Entbehrung und Entsagung führen als Tugenden zu einem glücklichen Leben.

Aber geht die Gleichung auch auf, wenn Glück und Erlösung im Diesseits ausbleiben? Wenn unklar ist, ob der Verzicht wirklich etwas bringt? Wenn auf die Entsagung kein unmittelbarer Lohn folgt?

In vielen Kirchengemeinden in und um Berlin wird seit Anfang des Jahres emsig Kassensturz gemacht. Seitdem nämlich gilt das im Oktober von der Herbstsynode der EKBO (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) beschlossene Klimaschutzgesetz. Es ist verbindlich und ambitioniert.

Bis 2050 müssen alle der rund 1300 Kirchengemeinden der EKBO klimaneutral sein. Ab 2023 muss jede von ihnen pro ausgestoßener Tonne Kohlendioxid 125 Euro in einen Klimaschutzfonds zahlen. Aus diesem Fonds sollen klimabedingte Mehrkosten der Gemeinden bezuschusst werden können. Innerhalb von knapp dreißig Jahren sollen insgesamt etwa 900.000 Tonnen Kohlendioxidemissionen eingespart werden.

Betroffen ist vor allem der Bereich Immobilien. Das sind 2200 Kirchen, Kapellen und Gemeindezentren. Kirchen sind nimmersatte Energiefresser. Die Räumlichkeiten sind gigantisch hoch, die Fenster einfach, das Gebälk porös. Bei Gottesdiensten werden sie auf mindestens 16 Grad aufgeheizt, bei Konzerten sind es, wegen der Stimmung der Instrumente, 18 Grad. Sind Gemälde aufgehängt oder die Altäre besonders gestaltet, wird eine Grundtemperatur empfohlen, um extreme Schwankungen zu vermeiden.

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Die meisten Heizungsanlagen indes sind alt und werden mit fossilen Brennstoffen wie Öl oder Gas betrieben. Es sind wahre Dreckschleudern, die grundlegend erneuert, im Regelfall komplett umgerüstet werden müssen. Die Wärmedämmung der Gebäude ist wegen des Denkmalschutzes oft sehr aufwändig. Vor historischen Fenstern etwa müssen im Innenbereich Isolierglasfenster montiert werden. Nachgedacht wird auch über die Abhängung der obersten Deckenebenen.

Auch in der Gedächtniskirche sind die Räumlichkeiten nicht gerade klimagerecht. Pfarrer Martin Germer sagt, dass von morgens bis abends beleuchtet wird, im Sommer muss der Innenraum gekühlt werden. Was da fürs Klima getan werden kann? „Wir arbeiten intensiv an Umsetzungskonzepten.“

Ein fachlich qualifizierter „Klimakümmerer“ muss benannt werden

Bereits ab dem kommenden Jahr ist in der EKBO nur noch Strom aus erneuerbaren Energien erlaubt. Die 25 Kirchenkreise werden aufgefordert, je einen fachlich qualifizierten „Klimakümmerer“ zu benennen, ein Klimaschutzkonzept zu erstellen sowie einen energetischen Sanierungsplan. Die Landeskirche rechnet bis 2050 mit klimabedingten Mehrkosten in Höhe von 150 Millionen Euro. Das allerdings ist nur ein vorsichtiger Schätzwert.

In Berlin beteiligen sich jetzt schon einige evangelische Gemeinden – etwa in Kaulsdorf, Neu-Buckow und Dahlem – am Projekt „Der grüne Hahn“. Das ist ein Umweltmanagementsystem, das von der Landeskirche Württemberg für die Belange und Bedürfnisse kirchlicher Einrichtungen entwickelt worden ist. Es geht um Ressourcensparen, Bildungsarbeit, Umweltkommunikation.

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„Der Auftrag, die Schöpfung zu bewahren“, so heißt es in der Leitlinie des „grünen Hahns“, „gehört zum Kernbestand der jüdisch-christlichen Überlieferung. Wenn unsere Kirche den Gedanken der Bewahrung der Schöpfung weitergibt, wird sie gefragt, ob sie selbst diesem Ziel genügt. Ihre Antwort muss daher glaubwürdig und ihr Handeln transparent sein. In der Ernsthaftigkeit des Bemühens um die Bewahrung der Schöpfung darf sie sich nicht von Wirtschaftsunternehmen, Banken und Kommunen übertreffen lassen.“

Vegane Ernährung, Verzicht auf Flug- und Autoreisen

Innerhalb der evangelischen und katholischen Kirche hat sich der Klimaschutz zum beherrschenden gesellschaftspolitischen Thema entwickelt. An ihrer Bereitschaft dazu sollen Christen sich messen lassen. Sie sollen zur Klimaschutz-Avantgarde gehören. Es gibt Aktionen zum Klimafasten, zur veganen Ernährung, zum Verzicht auf Flug- und Autoreisen.

Papst Franziskus hatte im Jahr 2015 die Umwelt-Enzyklika „Laudato Si“ veröffentlicht. Acht Jahre zuvor hatte Bischof Wolfgang Huber, der damalige Ratsvorsitzende der EKD, eine „Antwort auf den Klimawandel“ verfasst. Er schrieb: „In der Verweigerung gegenüber den notwendigen Entscheidungen geht es um das, was in der Sprache des christlichen Glaubens als Sünde bezeichnet wird.“

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Klimaschutz aber kostet. Die Zahl der Kirchenmitgliedschaften ist konstant rückläufig, die Einnahmen aus der Kirchensteuer sind es ebenfalls. Das heißt: Die konkrete Umsetzung des Klimaschutzgesetzes wird hart. Die Liste der Maßnahmen reicht von der Veräußerung von nicht ausreichend genutzten Kirchen und Gemeindehäusern, über die Verlagerung von Gottesdiensten in der kalten Jahreszeit aus der Kirche ins Gemeindehaus, bis zum Einbau elektrisch heizbarer Sitzkissen als Ersatz für komplette Heizungsanlagen, die Wohlfühltemperaturen herstellen.

Kleiner werden, Kälte ertragen, auf Gebäude verzichten: Wie werden die rund 900.000 Mitglieder der EKBO-Kirchengemeinden auf den Wandel reagieren? Darauf hat noch niemand eine Antwort. Vom Philosophen Epikur stammt der Rat, auch das Maßhalten maßvoll zu betreiben, damit die Menschen sich nicht maßlos mäßigen. Dem steht gegenüber, dass der Klimaschutz mindestens so radikal sein müsse wie der Klimawandel.

Glück und Erlösung gibt es dafür allenfalls im Jenseits. Ob der persönliche Verzicht die Katastrophe aufhält, ist ungewiss. Auf die Entsagungen folgt kein unmittelbarer Lohn. Das nicht nur auszuhalten, sondern freudig ins Werk zu setzen, wird nicht leicht.