Warum Menschen, die Fleisch essen, seltener an Depressionen leiden

Rohe Steaks mit Rosmarin- und Thymianzweigen.


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Ob aus Sicht des Tierschutzes, des Klimaschutzes oder aus gesundheitlichen Gründen — immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch oder sogar gänzlich auf Tierprodukte. In den vergangenen Jahren ist die Diskussion und das Bewusstsein für eine fleischlose Ernährung immer größer geworden. War Essen früher ein reines Mittel zum Überleben, kann es heute als eine Art Lebensstil angesehen werden. Vor allem junge Menschen legen besonderen Wert darauf, was sie zu sich nehmen und tendieren häufiger dazu, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren.

Die fleischlose Ernährungsweise ist in den westlichen Gesellschaften relativ jung, weshalb die langfristigen Auswirkungen dieses Essverhaltens oftmals noch untersucht werden. Während in vergangenen Analysen häufig die Verbindung zwischen der körperlichen Gesundheit und dem Fleischkonsum untersucht wurde, beleuchtete eine aktuelle Studie nun einen Zusammenhang zwischen der psychischen Gesundheit und einer fleischlosen Ernährungsweise.

Das Ergebnis der neuen Studie lautet: Eine fleischlose Ernährung ist mit einem höheren Maß an Depressionen und Angstzuständen verbunden als eine omnivore Ernährung, also wenn man auch tierische Lebensmittel und Fleisch zu sich nimmt. Veröffentlicht wurde die Meta-Analyse in der Fachzeitschrift „Food Science and Nutrition“. Für die Auswertung wurden 20 kleinere Studien über Fleischkonsum und psychische Gesundheit begutachtet. Gefunden wurde ein deutlicher Zusammenhang zwischen Vegetarismus beziehungsweise Veganismus und einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit.

„Wie viele Menschen kennt ihr, die sowohl glücklich sind als auch ständig eine bestimmte Ernährungsweise halten?“, fragte die Psychologin von der University of Southern Indiana und Co-Autorin der Studie, Urska Dobersek. „Wahrscheinlich nur sehr wenige. Und dafür gibt es einen triftigen, wissenschaftlichen Grund: restriktive Diäten machen Menschen langfristig ungesund und unglücklich“, so die Psychologin.

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Dennoch ist anzumerken, dass ein möglicher Kausalzusammenhang umstritten ist. Es deuten zwar einige Studien darauf hin, dass bestimmte Ernährungsdefizite bei Veganerinnen und Veganern mit Depressionen in Verbindung gebracht werden können. Allerdings ist es ebenso möglich, dass die psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angstzustände der Entscheidung für eine fleischlose Ernährungsweise vorausgehen.

Fleischverzicht verbessert wahrscheinlich nicht die psychische Gesundheit


Taylor Rains/Insider

Alle in die Meta-Analyse einbezogenen Untersuchungen wurden in dem Zeitraum zwischen 2001 und 2020 durchgeführt. Sie umfassen insgesamt fast 172.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vier verschiedener Kontinente. Von dieser Gruppe ernährten sich etwa 13.000 vegan oder vegetarisch. Die restlichen 158.000 Menschen aßen Fleisch.

Bis auf zwei der 20 Studien basierten alle Untersuchungen auf Fragebögen, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst angaben, ob sie Fleisch aßen oder nicht. Anschließend wurden sie gebeten, mitzuteilen, ob sie unter Angstzuständen oder Depressionen litten. Nach der Auswertung aller durchgeführten Studien kam das Forschungsteam um Urska Dobersek zu dem Schluss, dass „Fleischverzicht eindeutig mit einer schlechteren psychischen Gesundheit verbunden ist“.

Im Rahmen ihrer Auswertung konnten die Forscherinnen und Forscher jedoch nicht feststellen, ob andere Faktoren die Korrelation beeinflussten, wie etwa das Alter einer Person, die speziellen Fleischsorten, die konsumiert werden, ihr sozioökonomischer Status oder ihre Vorgeschichte mit psychischen Erkrankungen. Ebenfalls nicht berücksichtigt wurde die Dauer, wie lange sich die einzelnen Probandinnen und Probanden schon fleischlos ernährten.

Die Befunde knüpfen dennoch an Ergebnisse früherer Forschungsarbeiten an, die ähnliche Tendenzen aufzeigten. Aus diesem Grund sei auch das aktuelle Ergebnis wenig überraschend, erklärt die Co-Autorin. Bereits im vergangenen Jahr veröffentlichte Dobersek eine Studie, aus der hervorging, dass der Verzicht auf Fleisch mit einem höheren Risiko für Depressionen, Angstzuständen und Selbstverletzungen verbunden sei. Auch eine im August veröffentlichte Studie eines deutschen Forschungsteams ergab, dass Vegetarierinnen und Vegetarier eher dazu neigten, an Depressionen zu leiden als Fleischesserinnen und Fleischesser.

„Die Vorstellung, dass wir gesünder oder glücklicher werden können, wenn wir auf Lebensmittel und Getränke verzichten, ist zu kurz gedacht, unwissenschaftlich und nicht durch stichhaltige Beweise belegt“, so Dobersek.

Geht Vegetarismus oder Veganismus einer Depression voraus? Oder andersherum?


Aleeya Mayo

Trotz der festgestellten Korrelation gibt es keine Beweise dafür, dass eine fleischlose Ernährung zwangsläufig zu einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit führt. „Wir können nicht sagen, dass eine fleischfreie Ernährung psychische Erkrankungen verursacht. Was wir mit den Untersuchungen herausgefunden haben, ist, dass der Verzicht auf Fleisch die psychische Gesundheit nicht verbessern kann“, erklärt Edwin Archer gegenüber Business Insider. Gemeinsam mit Urska Dobersek veröffentlichte er die Studie im vergangenen August.

Obwohl mehrere Studien ergeben haben, dass Vegetarierinnen und Vegetarier eher an Depressionen leiden als Menschen, die auch Fleisch zu sich nehmen, kann kein endgültiger Kausalzusammenhang daraus geschlossen werden. So haben in der Vergangenheit auch andere Untersuchungen das Gegenteil gezeigt. Für eine mögliche Bedingtheit ist vor allem die Frage nach der Chronologie relevant: Hören die Menschen zuerst auf, Fleisch zu essen, und entwickeln im Anschluss ein höheres Risiko für Depressionen? Oder entscheiden sich mehr Menschen, die bereits im Vorfeld ein höheres Risiko haben, an Depressionen zu erkranken, dafür, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren? Bisher konnten nur wenige Studien auf diese Frage Antworten liefern. Lediglich eine Untersuchung aus dem Jahr 2012 deutet darauf hin, dass Depressionen einer vegetarischen oder veganen Ernährungsweise vorausgehen.

Weitere mögliche Erklärungen für den Zusammenhang könnten laut Dobersek und Archer darin bestehen, dass Menschen eine fleischlose Ernährung ausprobieren, um bestehende psychische Erkrankungen zu bewältigen. Ein anderer Erklärungsansatz könnte sein, dass Menschen, die an Depressionen leiden, eher dazu neigen, sich in Tiere einzufühlen und Ernährungsentscheidungen auf der Grundlage einer ethischen Perspektive treffen.

„Menschen, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben, ändern oft ihre Ernährung als eine Form der Selbstbehandlung“, erklärt Dobersek. „Es hat den Anschein, dass viele Menschen den Veganismus als Reaktion auf die Grausamkeiten in der Natur und der menschlichen Gesellschaft wählen.“ Ebenso ist es Dobersek zufolge möglich, dass Menschen, die besorgt um den Klimawandel sind, eher eine klimaschonende Ernährungsweise wählen, da die Massentierhaltung für einen großen Teil der jährlichen CO2-Emissionen verantwortlich ist.

Die Psychologin merkte allerdings auch an, dass eine strenge vegane Ernährung gegebenenfalls zu Nährstoffmangel führen könne, insbesondere bei schwangeren Frauen. Dies wiederum kann das Risiko sowohl für körperliche als auch psychische Erkrankungen erhöhen. Vitamin B-12, Folsäure und Omega-3-Fettsäuren sind beispielsweise hauptsächlich in tierischen Produkten enthalten – mit Milchsäurebakterien vergorene Gemüse wie Sauerkraut bilden eine Ausnahme. Wer sich größtenteils oder ausschließlich pflanzlich ernährt, sollte daher besonders darauf achten, sich ausgewogen zu ernähren und die Nährstoffe gegebenenfalls durch Ersatzpräparate zu sich zu nehmen.

Die Debatte bleibt kontrovers


BURCU ATALAY TANKUT/Getty Images

Als Doberseks Analyse vergangenen August erschien, dachten einige, sie beweise, dass der Fleischkonsum die psychische Gesundheit verbessere. Doch das ist „definitiv falsch“, erklärt die Psychologin.

Darüber hinaus wiesen Kritiker in Bezug auf die Studienergebnisse hin, dass die Untersuchung von dem US-amerikanischen Handelsverband „National Cattlemen’s Beef Association“ gefördert wurde. Die National Cattlemen’s Beef Association ist eine Lobbygruppe, die für die amerikanischen Rindfleischproduzenten sowie -Verbraucher in den Vereinigten Staate arbeitet. Für die Untersuchung im Jahr 2020 erhielt Dobersek von dem Handelsverband mehr als 10.000 US-Dollar an Fördergeldern, um eine systematische Überprüfung von „Beef for a Happier and Healthier Life“ durchzuführen.

Auch die aktuelle Studie wurde teilweise durch einen Zuschuss der Beef Association finanziert. Die Autorinnen und Autoren der Analyse merkten jedoch an, dass der Geldgeber keinen Einfluss auf das Forschungsdesign, die Datenerfassungen oder die Schlussfolgerungen der Studie hatte.

Die Psychologin Urska Dobersek ist der Meinung, dass die Ergebnisse nichtsdestotrotz Auswirkungen auf die Gestaltung und Vermittlung von Ernährungsrichtlinien haben könnten. „Mit jeder Veröffentlichung wurden die Ernährungsrichtlinien für US-Amerikanerinnen und Amerikaner restriktiver“, sagte sie. Im Jahr 2020 wurde ihnen beispielsweise empfohlen, den Verzehr von rotem Fleisch einzuschränken, während in einer Version von 2005 keine derartige Empfehlung enthalten war.

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Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.