Warum das Steak bald teurer wird

Es gab einmal eine Zeit, da gaben die Deutschen 45 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Ernährung aus. 1950 war das, der Zweite Weltkrieg steckte dem Land noch in den Knochen, gerade erst waren die Lebensmittelmarken in der Bundesrepublik abgeschafft worden. Diesen Wert hat sie später nie wieder erreicht; in den Jahrzehnten danach wurden Brot, Fleisch, Wurst oder Käse immer billiger. Heutzutage gibt ein durchschnittlicher Haushalt nur noch 14 Prozent seines Einkommens für Nahrungsmittel aus. Doch die billigen Zeiten sind vorbei. Die Deutschen müssen sich darauf einstellen, dass ihr Essen in den kommenden Jahren teils deutlich teurer werden wird. Die Gründe kann man auf drei Buchstaben verkürzen: T, Ö, K – Tierwohl, Ökologie, Klimaschutz.

Kürzlich wurden gleich zwei enorm weitreichende Weichen für die Zukunft der deutschen Landwirtschaft gestellt – und damit auch für alle Verbraucher in Deutschland. Zum einen hat die Europäische Union beschlossen, ihre Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) auf neue Füße zu stellen. Künftig werden Landwirte zum Teil entsprechend ihrer ökologischen oder klimaschonenden Produktionsweise aus dem milliardenschweren Agrartopf der EU gefördert. Bisher war vor allem die Größe ihrer Agrarbetriebe dafür ausschlaggebend.

Zum anderen gab es einen Durchbruch, der vor einigen Jahren noch undenkbar schien: Landwirte, Umweltschützer und Verbraucherschützer einigten sich in einer „Zukunftskommission Landwirtschaft“ (ZKL) einstimmig auf einen gemeinsamen Weg, wie die Nahrungsmittelproduktion der Zukunft aussehen soll: mit mehr Tierwohl, Natur- und Klimaschutz.

Klar ist schon jetzt: auf die Verbraucher werden deutlich höhere Kosten zukommen, zum Beispiel für Produkte, die im Übermaß Salz, Zucker oder Fett enthalten. Aber auch für ein Nahrungsmittel, von dem die Deutschen pro Kopf im vergangenen Jahr 57 Kilogramm verzehrten: „Insbesondere Fleisch wird teurer werden, weil die Haltungsstandards steigen müssen“, prophezeit Deutschlands oberster Verbraucherschützer und ZKL-Mitglied Klaus Müller. Erst im vergangenen Jahr war etwa beschlossen worden, dass Landwirte für Sauen künftig größere Käfige anschaffen müssen.

Die absehbare Umstellung der Landwirtschaft verursacht hohe Kosten, rechnet der Vorsitzende der ZKL, Peter Strohschneider, vor: „Wir werden 5,5 Milliarden Euro zusätzliche Einnahmen benötigen, die aus den Lebensmittelpreisen kommen müssen, aber auch durch Abgaben und staatliche Förderung.“

Was bedeutet das umgerechnet für das saftige Steak auf dem Grill? Genau kann das zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen. Sicher ist: Die Produktionskosten werden um etwa zehn Prozent steigen müssen, um ökologische und Tierwohl-Standards einhalten zu können. Strohschneider liefert noch einen weiteren Hinweis, in welche Richtung sich die Nahrungsmittelpreise entwickeln werden. „Die Franzosen geben proportional ungefähr doppelt so viel für ihre Ernährung aus wie die Deutschen. Das wäre doch eine Orientierungsmarke.“

Gleichwohl soll manches auch günstiger werden, um Einfluss auf die Ernährung der Menschen zu nehmen. Auf Obst und Gemüse zum Beispiel soll die Mehrwertsteuer gesenkt werden. „Man muss auch aussprechen, dass vegetarische Ernährung oder zumindest weniger Fleischkonsum gesünder sind“, sagt Müller. Auf Menschen, die wenig Fleisch konsumieren, werde der Transformationsprozess weniger Auswirkungen haben. Und: Es soll mehr Transparenz zu Herkunft und Herstellung von Nahrungsmitteln geben.

Was aber ist mit jenen Menschen, die schon jetzt Probleme haben, genug Essen auf den Tisch zu bekommen? Hartz-IV-Empfängern zum Beispiel stehen derzeit rund fünf Euro am Tag für Ernährung zur Verfügung. Kann man ihnen zumuten, dass jetzt vieles noch teurer werden wird?

„Sozial schwache Gruppen dürfen nicht ausgeschlossen werden“, fordert Strohschneider. Dazu sieht die ZKL vor allem zwei Hebel: Die Regelsätze für Hartz-IV-Empfänger sollen erhöht, die Einkommensteuer für Geringverdiener gesenkt werden.

Wird die Politik bei all dem mitziehen? Der Verbraucherschützer Müller hat vor allem eine Sorge: dass Rosinenpickerei betrieben, nur einzelne Vorschläge umgesetzt werden. Immerhin soll die EU-Agrarpolitik GAP sechs Milliarden Euro zu der anstehenden Transformation beisteuern – bis zum Jahr 2027. „Das Ruder des milliardenschweren Tankers“, sagt Müller, „konnten wir nicht von heute auf morgen herumreißen.“

Vor allem Fleisch könnte bald teurer werden. Foto: ©Antonio Truzzi/shutterstock.com

Warum das Steak bald teurer wird