Urlaub für den Magen (nd-aktuell.de)

Okraschoten können frisch gekauft werden, aber auch getrocknet oder tiefgefroren.

Foto: imago/Azim Haider

Mehr als zehn Millionen Tonnen Okraschoten werden jährlich weltweit geerntet. Das aus Afrika stammende Gemüse gedeiht am besten in tropischem und subtropischem Klima. Es wirkt wohltuend auf das Verdauungssystem des Menschen und wird in den Ländern des Südens sehr geschätzt. Mit den Gastarbeitern aus Griechenland und der Türkei gelangte das Gemüse in den 50er Jahren nach Deutschland.

Okraschoten, in Afrika auch unter der Bezeichnung Gumbo und in der Türkei als Bamya bekannt, sind eigentlich längliche, fingerartige grüne Samenkapseln, die kurze Zeit nach der Blüte noch unreif geerntet werden. Die Gemüsepflanze trägt den botanischen Namen Hibiscus esculentus und gehört zu den Malvengewächsen wie der Lindenbaum oder der Kakaostrauch. Sie wird auch Gemüse-Eibisch, Grünschnabel oder Lady Finger genannt.

Auf Kuba avancierten Quimbombó, wie die Okraschoten dort heißen, zu einer wichtigen Nationalspeise. Der kubanische Revolutionär und Staatschef Fidel Castro erinnerte sich gern an dieses wärmeliebende Gemüse, das er als »unser Beefsteak« bezeichnete, während er sich als Guerillero in den Bergen versteckte.

Leider ist die weite Reise der Okraschote über den Atlantik mit einem dunklen Kapitel der Menschheitsgeschichte verknüpft. Mit dem Sklavenhandel vor rund 400 Jahren gelangte das Gemüse von Afrika zu den Zuckerrohrinseln der Karibik. Die Samen von Okraschoten wirken krampflösend und lindern Magenschmerzen, sodass eine Frage erlaubt sein darf: Nahmen die afrikanischen Menschen Okraschoten mit auf das Schiff, um einer Magen-Darm-Erkrankung entgegenzuwirken? Die Transportbedingungen auf den Schiffen – schlimmer als unhygienisch – legen das nahe. Fast 90 Prozent der verschleppten Menschen mussten angekettet unter Deck nebeneinander in ihren eigenen Ausscheidungen liegend sterben, doch davon wussten ihre Mütter mit Sicherheit nichts.

Leah Penniman, Aktivistin für Lebensmittelgerechtigkeit mit haitianisch-amerikanischen Wurzeln hat grundsätzlichere Antworten auf die Frage, warum die Sklaven die Samen von Okra mit aufs Schiff brachten: »Weiße wussten nicht, wie man tropische und subtropische Landwirtschaft betreibt.« Zwölf Millionen Afrikaner wurden unter anderem wegen ihres Wissens und ihrer Kraft entführt. Durch ihre körperliche Stärke konnten afrikanische Sklaven circa acht Jahre lang die unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei der Zuckerrohrernte überleben.

Die älteren Verwandten gaben den Gefangenen bewusst Saatgut für den unbekannten Kontinent mit. »Die Oma meiner Oma und andere Mütter in ihrer Gemeinde nahmen das, was ihnen am heiligsten war«, erläutert Leah Penniman. Die afrikanischen Mütter sammelten Saatgut von Hirse, schwarzem Reis, Kuhbohnen, Okraschoten und andere Samen und flochten diese in das Haar ihrer Kinder, obwohl es keine Berichte von jenseits des Atlantiks gab und sie nicht wussten, ob die mitgegebenen Samen in der neuen Welt gedeihen würden. »Sie glaubten gegen alle Widerstände an eine Zukunft der Erde auf dem Acker«, betont die Aktivistin, Pädagogin und Bäuerin von der Soul Fire Farm in der Nähe von New York.

Ernährungssouveränität auch in Zeiten starker Corona-Beschränkungen beschreibt sie mit dem folgenden Zitat der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin Fannie Lou Hamer: »Wenn Sie 400 Liter Gemüse und Gumbo-Suppe für den Winter konserviert haben, kann Sie niemand herumschubsen oder Ihnen befehlen, was Sie sagen oder tun sollen.«

Das Besondere an den Okraschoten ist nicht nur ihr Reichtum an Vitaminen und Mineralstoffen, sondern vor allem der hohe Gehalt an Schleimstoffen. Dies sind Pektine mit einer Menge von 5 Gramm auf 100 Gramm Gemüse. Sie werden zu den löslichen Ballaststoffen gezählt, haben jedoch sanftere Wirkungen auf den Darm als die bekannten unlöslichen Ballaststoffe aus Vollkorngetreide oder Kleie, auf die Menschen mit empfindlichem Darm mit Reizungen, Entzündungen und Durchfall reagieren.

Gerade für Menschen mit sensiblem Magen und häufig wiederkehrender Gastritis können Okraschoten zum häufigen Verzehr empfohlen werden. Ihre Schleimstoffe ermöglichen die Regenerierung von Magen- und Darmschleimhaut. Durch den Genuss von Okra wird der Magen förmlich in den Urlaub geschickt, was nur wenige Pflanzen in gleichwertiger Weise vermögen, so ein Tee aus der Eibischwurzel oder die jungen Blätter des Lindenbaums. Die Schleimstoffe der Malvengewächse versorgen auch die nützlichen Bakterien im Darm mit Nahrung und können dadurch zum Aufbau der Darmflora beitragen und den Stuhl weichmachen.

Okra-Gemüse punktet natürlich auch mit seinem Gehalt an Flavonoiden, die zusammen mit Vitaminen als Antioxidantien wirken. Unter den enthaltenen Vitaminen sind die fettlöslichen Vitamine A, E und K sowie die wasserlöslichen Vitamine C, B1, B2, B3, B6 und Folsäure hervorzuheben. Zudem sind die Mineralstoffe Kalzium, Kalium, Magnesium, Phosphor sowie die Spurenelemente Eisen, Zink, Kupfer, Mangan und Selen vertreten. Der milde, leicht säuerliche Geschmack entsteht wegen der enthaltenen Oxalsäure, deren Menge aber im Vergleich zu oxalsäurereichen Pflanzen wie Kakao oder Spinat zu vernachlässigen ist.

Damit die fettlöslichen Vitamine aus dem Gemüse vom Darm gut aufgenommen werden können, empfiehlt sich die Zubereitung mit pflanzlichem Öl. Traditionell werden Okraschoten im mediterranen Raum oder in der Karibik zusammen mit reichlich in Öl geschmorten Zwiebeln und Knoblauch gegessen. Dazu passen die typisch arabischen Gewürze Kreuzkümmel (Cumin) und Koriander sowie nach Belieben klein geschnittene Tomaten.

Beim Garen entsteht durch den hohen Gehalt an Schleimstoffen ein sämiger Effekt. Daher werden getrocknete, ausgereift geerntete Okraschoten in Afrika auch gern zum Andicken von Suppen und Eintöpfen verwendet. Weil dadurch auf eine Mehlschwitze verzichtet werden kann, sind Okraschoten auch hierzulande für eine Schlankheitskur zu empfehlen. Dabei werden in Stücke geschnittene, frische Okraschoten erst zum Schluss zur Speise gegeben und nur wenige Minuten mitgegart, ohne noch weiter umzurühren.

Frische Okra sind im Sommer in Deutschland bei türkischen oder asiatischen Gemüsehändlern zu finden. Auch tiefgefrorene oder Okra in Dosen sind dort erhältlich. In Japan wird das Gemüse zusammen mit Natto, einer würzigen Sojapaste, verzehrt. Auf Kuba ist die Zubereitung mit geräuchertem Schweinefleisch beliebt. Aber auch vegetarische Varianten mit gekochtem Lupinenschrot sind denkbar.