Tonnenweise Spargel am Feldrand sorgt für Ärger

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Lebensmittel oder Dünger? Tonnenweise Spargel am Feldrand sorgt für Ärger

Ein Landwirt aus Niedersachsen deponiert tonnenweise Spargel, Erdbeeren und Himbeeren neben einem Acker – er will sie als Dünger unterpflügen. Passanten aber wittern Lebensmittelverschwendung.

Hannover. Ein Spargelbauer im Kreis Stade in Niedersachsen ist zum Ende der Saison mit wütenden Protesten wegen angeblicher Lebensmittelverschwendung konfrontiert. Der Landwirt hat große Mengen Spargel sowie einige Erdbeeren und Himbeeren am Rand eines seiner Felder deponiert – Abfälle, die er als Biodünger auf das Feld aufbringen wollte, wie Christoph Werner vom Spargelhof Werner betont. Doch Fotos vom Berg aus Gemüse und Früchten erzeugen Protest in der Gemeinde Dollern, der über soziale Medien verstärkt wird.

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Spaziergänger hatten den mehrere Hundert Kubikmeter umfassenden Haufen entdeckt und die Polizei informiert. Die Beamten leiteten ein Verfahren wegen illegaler Müllentsorgung ein, wie ein Sprecher am Dienstag sagte. Sie informierten den Landkreis, der für eine mögliche Ordnungswidrigkeit zuständig wäre.

Billigware, Inflation, Kaufzurückhaltung

Billigware aus dem Ausland, Inflation infolge des Kriegs in der Ukraine, Kaufzurückhaltung verunsicherter Verbraucher – zuletzt hatte es immer wieder Berichte über Landwirte gegeben, die Spargel und Erdbeeren mangels Wirtschaftlichkeit lieber unterpflügen, als die Felder zu ernten. Doch Landwirt Werner versichert, es handele es sich um unverkäufliche und ungenießbare Reste: Enden von Spargelstangen, die gekappt werden, weil die im Handel höchstens 22 Zentimeter lang sein dürfen, Schälabfall, ungenießbare, weil zu dicke Spargel. „Damit kann man nichts machen. Die will keiner haben“, sagt Werner. Dazu auch Erdbeeren und Himbeeren, die Verkaufsstände und Supermärkte zurückgegeben hätten.

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Fred Eickhorst von der Vereinigung der Spargel- und Beerenbauern stellt sich an die Seite seines Kollegen. „Dass Spargel untergepflügt wird, hat es vor 30 Jahren schon gegeben.“ Es sei absolut üblich, Felder mit Spargelresten zu düngen. Werner sagt, normalerweise landeten die in der Güllegrotte – die sei allerdings voll gewesen, weshalb er das Gemüse am Feldrand gelagert habe.

Lebensmittelverschwendung oder gängige Praxis?

Worum geht es also: um Lebensmittelverschwendung oder um eine gängige Praxis? Der Landkreis Stade jedenfalls kann keinen gravierenden Verstoß feststellen. „Ein Ermittlungsverfahren führen wir nicht“, sagte ein Sprecher. Einige Plastikverpackungen unter den Resten habe der Landwirt schon eingesammelt. Dass die unter das Gemüse geraten sind „soll nicht sein“, räumt Werner ein.

Dieser Spargelhaufen sorgt für Ärger.

Eickhorst hat von Berichten gehört, dass Erdbeer- und Spargelbauern ihre Ernte zum Teil vernichten, weil sie nicht wirtschaftlich ist. „Bauern, die an den Lebensmitteleinzelhandel verkaufen, sind nicht zufrieden – beim Spargel, wie bei den Erdbeeren“, sagt der Vorstandssprecher. Insbesondere das Geschäft mit Erdbeeren sei schwierig in diesem Jahr. „Jedes Kilo, das den Hof verlassen hat, hat Geld verbrannt.“

„Qualitätsware wird nicht untergepflügt“

Aber dass Spargel von guter Qualität untergepflügt wird, will Eickhoff nicht bestätigen – trotz Konsumflaute. „Es wird derzeit definitiv weniger Spargel gekauft.“ Eickhoff rechnet mit einem Minus von etwa 20 Prozent. Preisdruck hätten insbesondere die Landwirte gespürt, die für den Einzelhandel produzieren. Direktvermarkter mit eigenen Verkaufsstellen seien jedoch einigermaßen zufrieden, auch wenn sie im Vergleich zu den Jahren 2020 und 2021 Einbußen hinnehmen mussten. „Direktvermarkter haben von Corona sogar profitiert.“

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Scharfe Kritik übt ein örtlicher CDU-Ratsherr, der auch Spargelspitzen in dem Haufen ausgemacht haben will. „Ein Teil hätte auch an die Tafel gehen können“, sagt Ralf Kimmel aus Dollern. Eine Sprecherin des Bauernverbands Landvolk sagte: „Der Kostendruck ist generell hoch und steigt weiter. Dennoch empfehlen wir als Landesbauernverband, keine erzeugten Lebensmittel zu vernichten, sondern nach alternativen Lösungen für die Verwendung zu suchen.“

Dieser Text erschien zuerst bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.

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