Stühlingen: Wo kommen eigentlich die Lebensmittel her? Landwirte und Umwelt-Aktivisten kommen ins Gespräch

Morgens um 9 Uhr auf einem Hof zwischen Stühlingen und Mauchen. Die Sonne brennt vom Himmel – die Alpen zeigen hier oben ihr schönstes Panorama. Während viele Familien womöglich langsam in den Tag starten, hat dieser für Sylvia und Rüdiger Mayer aus Stühlingen schon längst begonnen.

Morgens um neun auf dem Weg zum Arbeitseinsatz in Richtung Mauchen: Das Alpenpanorama zeigt sich von seiner schönsten Seite.
| Bild: Vanessa Amann

„Wir haben eine Sieben-Tage-Woche und die Arbeit ist dann erledigt, wenn alle Tiere versorgt sind“, sagt die Vollerwerbslandwirtin. Doch dieses Wochenende ist auch für das Ehepaar eine Besonderheit: Sie sind Teil des deutschlandweiten Projekts „Hof mit Zukunft“, welches Aktivisten und Landwirte zusammenbringt.

Hof mit ZukunftFür zwei Tage haben bundesweit Aktivisten auf landwirtschaftlichen Höfen mitgeholfen. Auch Sylvia und Rüdiger Mayer aus Stühlingen haben zwei Gäste auf ihrem 120 Hektar großen Hof begrüßt. Vor drei Jahren haben sie ihren Betrieb auf Bioland umgestellt, da zuvor ausreichend Weideflächen für die Rinder gefehlt haben. Gefüttert wird kein Kraftfutter, sondern lediglich Heu, Klee und Mineralfutter. Die Bio-Milch wird über die Molkerei Schwarzwaldmilch vertrieben. Neben der Milcherzeugung werden auch im kleinen Stil Bio-Getreidesorten angebaut.

Für Janina Reinmuth, Studentin in Mannheim, und Philipp George aus Freiburg ist dies selbst eine neue Erfahrung. „Ich wollte herausfinden, woher die Lebensmittel beziehungsweise die Milchprodukte stammen. Das lernt man im Supermarkt ja nicht“, erklärt die Soziologie-Studentin mit dem Heurechen in der Hand.

Große Maschinen können die Weiden-Parzelle nicht bearbeiten, deshalb wird alles noch „klassisch“ mit Heurechen in Reih und ...

Große Maschinen können die Weiden-Parzelle nicht bearbeiten, deshalb wird alles noch „klassisch“ mit Heurechen in Reih und Glied gebracht.
| Bild: Vanessa Amann

Zu viert wird das abgemähte Gras heute auf einer kleinen Parzelle zu „horizontalen Würsten“ zusammengetragen. In der Fachsprache wird dies auch „Schwaden“ genannt. „Das macht richtig Spaß, wenn man so viele fleißige Helfer hat“, sagt Sylvia Mayer lachend. Als „exotisch“ beschreibt sie das Vorgehen hier auf dieser kleinen, steilen Fläche.

Denn das Heu wird nicht ausgebreitet, zur Nacht zusammengerecht und wieder ausgebreitet, bis es vier Tage später getrocknet ist, sondern erstmal auf eine abgemähte Grünfläche in der Nähe des Hofes gebracht. „So müssen wir nicht noch überall mit dem Traktor rumfahren, sondern können es zentral beim Hof trocknen lassen“, erklärt sie das Vorgehen.

Philipp George, Umweltaktivist aus Freiburg, Hannes Mayer und Janina Reinmuth schwaden das abgemähte Heu.

Philipp George, Umweltaktivist aus Freiburg, Hannes Mayer und Janina Reinmuth schwaden das abgemähte Heu.
| Bild: Vanessa Amann

Und die ganze Arbeit hat auch einen Sinn, wie der zweite stellvertretende Bürgermeister der Stadt Stühlingen erklärt. Denn: „Ist es richtig, Grundfutter zuzukaufen, welches ich regional anbauen kann?“, fragt er. Dies verneinen die Hof-Besitzer. Dafür nehmen sie in Kauf, dass ihre 40 Jersey-Rinder weniger Milch geben, aber dafür „können wir dem Verbraucher sagen, wir produzieren regional und sind unabhängig von globalen Märkten“.

Der Dialog wird gesucht

Und mittendrin sind für zwei ganze Tage die Aktivisten, die auf dem Bauernhof mitgeholfen, diskutiert, gelacht und voneinander gelernt haben. „Man muss nicht immer einer Meinung sein, aber es ist wichtig, dass die Aktivisten auch unsere Sichtweise kennenlernen – verstehen, was ihre Forderungen für Landwirte bedeuten könnten“, so Rüdiger Mayer. Dabei bezieht er sich beispielsweise auf die Forderung, es sollen keine Nutztiere mehr gehalten werden.

Rüdiger Mayer ist Vollerwerbslandwirt mit Leidenschaft, das wird einem über das Wochenende klar. Seit 2009 ist er zudem Stadtrat in ...

Rüdiger Mayer ist Vollerwerbslandwirt mit Leidenschaft, das wird einem über das Wochenende klar. Seit 2009 ist er zudem Stadtrat in Stühlingen und zweiter Bürgermeisterstellvertreter.
| Bild: Vanessa Amann

Er setzt dem entgegen, dass die Landwirtschaft durch die Offenhaltung der Böden dem sinkenden Grundwasserpegel etwas entgegensetze. „Wenn keiner mehr die Wiesen pflegt, keine Weiden mehr gemäht werden, dann verwaldet die Kulturlandschaft nach und nach. Weniger Wasser versickert und kommt so ins Grundwasser“, erklärt der Vollerwerbslandwirt.

Philipp George, Umweltaktivist aus Freiburg, Hannes Mayer und Janina Reinmuth schwaden das abgemähte Heu.

Philipp George, Umweltaktivist aus Freiburg, Hannes Mayer und Janina Reinmuth schwaden das abgemähte Heu.
| Bild: Vanessa Amann

Als ökologischer Landwirtschaftsbetrieb sei der Humusaufbau auf dem Hof ein wichtiges Stichwort: „Beide Seiten wollen die Bodenfruchtbarkeit und damit auch die Biodiversität erhalten“, erklärt Phillip George, der bei einer Umweltorganisation tätig ist. Denn hier werde der Boden ernährt und nicht die Pflanzen, ergänzt er.

„Nicht alles ist Massentierhaltung“

Für Sylvia Mayer war es außerdem wichtig, zu zeigen, dass „nicht alles Massentierhaltung ist und es nicht allen Tieren schlecht geht“. Was die Zahlen auch zeigen: Im Schnitt leben Milchkühe 3,5 Laktationen. Das heißt, sie kalben 3,5 Mal, bevor sie geschlachtet werden. Der Schnitt auf dem Hof zwischen Mauchen und Stühlingen liegt laut Sylvia Mayer bei rund sieben Laktationen.

40 Jersey-Kühe werden auf dem Hof von Silvia und Rüdiger Mayer zweimal täglich gemolken. Abgemolken wird von Hand, die Melkmaschine ...

40 Jersey-Kühe werden auf dem Hof von Silvia und Rüdiger Mayer zweimal täglich gemolken. Abgemolken wird von Hand, die Melkmaschine übernimmt den Rest. Zehn Kühe stehen trocken, da sie bald Kälber bekommen.
| Bild: Vanessa Amann

Die ganz alten Damen haben bereits neun Kälber zur Welt gebracht. „Es ist toll, so alte Kühe zu haben und uns ist die Lebensdauer auch wichtig“, sagen die beiden. Grundsätzlich hätten sie gerne längere Pausen, bis die Kühe wieder ein Kalb bekommen. Doch der Bulle Max, der mit der Herde mitläuft, sei „meistens noch schneller.“

„Hoffentlich gibt es die Aktion im nächsten Jahr wieder“, sagt Sylvia Mayer. „Dafür braucht es das gar nicht, wir kommen auch so wieder“, erwidert Philipp George, der bei Students for Future aktiv ist. Das Projekt scheint geglückt.

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