Neuer Wirkstoff gegen Zöliakie – Hemmstoff verhindert die von Gluten ausgelösten Entzündungen des Dünndarms

Hilfe gegen die Gluten-Unverträglichkeit: Ein neuartiges Mittel gegen die Zöliakie hat sich in einer Phase-IIa-Studie als wirksam erwiesen. Trotz Aufnahme von Gluten verhinderte der Wirkstoff die typischen Entzündungen und Schäden der Dünndarms bei den Patienten, wie die Forscher berichten. Ansatzpunkt des neuen Medikaments ist die Transglutaminase 2, ein Darmenzym, das Gluten zerlegt und für die überschießende Entzündungsreaktion bei Zöliakie mitverantwortlich ist.

Die Zöliakie ist eine der häufigsten entzündlichen Erkrankungen des Dünndarms, weltweit sind rund ein Prozent der Bevölkerung von dieser Autoimmunerkrankung betroffen. Sie löst eine überschießende Entzündungsreaktion bei Verzehr des in vielen Getreiden enthaltenen Klebereiweißes Gluten aus. Die unmittelbare Folge sind Durchfälle, Erbrechen und Gewichtsverlust, auf Dauer können schwerwiegende Mangelerscheinungen, Unfruchtbarkeit und Krebs entstehen.

Auf der Suche nach einem Gegenmittel

Bisher gibt es weder ein Heilmittel noch eine wirksame Behandlung der Zöliakie. Betroffene müssen daher lebenslang eine glutenfreie Diät einhalten. Zwar arbeiten Wissenschaftler an verschiedenen Ansätzen, darunter Antikörperfragmenten oder einer Art Hyposensibilisierung mithilfe von Nanopartikeln. Zugelassen ist bisher aber kein Medikament.

Jetzt gibt es einen weiteren Therapieansatz: Detlef Schuppan von der Universitätsmedizin Mainz und sein Team haben einen Wirkstoff entwickelt, der an einem entscheidenden Abbauprozess des Glutens ansetzt. Das Gluten wird im Dünndarm teilweise zerlegt und von der Schleimhaut aufgenommen. Bei Zöliakie-Patienten sorgt eine Überaktivität des Enzyms Transglutaminase-2 dafür, dass die Gluten-Bruchstücke dort in eine immunaktivierende und entzündungsfördernde Form umgewandelt werden.

Darm-Enzym als Ansatzstelle

Der jetzt getestete Wirkstoff ZED1227 verhindert diesen letzten Schritt, indem er die Transglutaminase-2 hemmt. Wie effektiv sich mit diesem Hemmstoff die Zöliakie behandeln lässt, haben Schuppan und sein Team in einer Phase-IIa-Studie mit 160 Patienten in sieben europäischen Ländern getestet. Die Teilnehmer erhielten täglich eine Tablette mit 10, 50 oder 100 Milligramm ZED1227 oder aber ein wirkstofffreies Placebo.

Um die Wirksamkeit des Mittels auch bei Glutenbelastung zu testen, nahmen die Testpersonen freiwillig täglich eine standardisierte Menge Gluten zu sich. Während der sechswöchigen Studiendauer wurde regelmäßig ihr Befinden abgefragt, außerdem prüften die Wissenschaftler den Zustand der Darmzotten und ihre Tiefe mittels Endoskopien.

Messbare Besserung trotz Glutenbelastung

Das Ergebnis: Die Patienten, die den Hemmstoff ZED1227 erhalten hatten, litten trotz der Glutenaufnahme weniger unter den typischen Zöliakiesymptomen. Parallel dazu besserte sich auch die Entzündung der Darmschleimhaut, die Zahl der Lymphozyten in der Dünndarmwand nahm ab und die Darmzotten erholten sich: Ihre Höhe nahm gegenüber der Placebogabe im Schnitt um 44 Prozent zu, wie das Forschungsteam berichtet. Je höher die Dosis, desto ausgeprägter war dabei der Effekt.

Nach Angaben von Schuppan und seinem Team demonstrieren diese Ergebnisse, dass der Hemmstoff ZED1227 der Zöliakie entgegenwirkt und eine schützende Wirkung auf die Dünndarmschleimhaut hat. Damit sei ZED1227 das erste Zöliakie-Medikament, für das eine klinische Wirksamkeit belegt werden konnte.

Folgestudie für Herbst 2021 geplant

„Zöliakie-Betroffene verspüren durch die dauerhaft notwendige Vorsicht bei der Ernährung einen erheblichen Leidensdruck“, sagt Schuppan. „Mit dem Transglutaminase-Hemmer ZED1227 wird ihnen zukünftig eine medikamentöse Behandlungsmöglichkeit unterstützend zur glutenfreien Diät zur Verfügung stehen, die ihnen zusätzlich einen erheblichen Zugewinn an Sicherheit und Lebensqualität ermöglicht.“

Aufgrund der vielversprechenden Ergebnisse der Phase-IIa-Studie ist ab Herbst 2021 eine größere Phase-2b-Folgestudie geplant. Sie soll auch Zöliakie-Patienten umfassen, die nicht auf die glutenfreie Diät ansprechen und daher besonders belastet sind. (New England Journal of Medicine, 2021; doi: 10.1056/NEJMoa2032441)

Quelle: Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz