Müller Milch kauft Landliebe: Mega-Deal in der Milchbranche

Milch von Landliebe

Die Marke von Friesland Campina wird von Deutschlands größter Privatmolkerei, der Theo Müller-Gruppe, übernommen.

(Foto: imago/Rüdiger Wölk)

Düsseldorf Der deutsche Milchmarkt wird neu aufgemischt. Die Unternehmensgruppe Theo Müller will die Marken Landliebe, Südmilch, Puddis, Mondelice und Tuffi sowie drei deutsche Werke von Wettbewerber Friesland Campina übernehmen.

Das teilten beide Unternehmen am Mittwoch mit. Die niederländische Molkereigenossenschaft hatte jahrelang versucht, ihr Deutschlandgeschäft zu stabilisieren – und zieht sich nun weitgehend zurück.

Das Familienunternehmen aus Aretsried ist mit Marken wie Müller Milch, Sachsenmilch und Weihenstephan bundesweit bekannt. Die größte deutsche Privatmolkerei steigert mit dem Deal ihren Umsatz von sieben Milliarden Euro um eine halbe Milliarde Euro.

Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. „Mit der Übernahme stärkt und erweitert Müller sein deutsches Markengeschäft deutlich“, konstatiert Karsten Jonczyk, Partner der Beratung Ebner Stolz.

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In den Werken Heilbronn, Köln und Schefflenz übernimmt Müller alle rund 730 Mitarbeiter von Konkurrent Friesland Campina. Die Schwaben rechnen mit einem Abschluss im Herbst, die Zustimmung der Genossenschaftsversammlung und der Kartellbehörden vorausgesetzt.

Später Aufstieg von Stefan Müller

Die Übernahme ist der erste große Deal von Stefan Müller, seitdem er im Januar den früheren Kuka-Chef Till Reuter an der Spitze des Aufsichtsrats ablöste. Der älteste Sohn von Patriarch Theo Müller sieht in der Akquisition eine „sehr passende Ergänzung“ und erhofft sich einen „positiven Beitrag zum Wachstumskurs des Unternehmens“.

Dass der 54-Jährige einmal seinem mächtigen Vater nachfolgt, galt lange Zeit alles andere als sicher. Theo Müller, der seit Langem in der Schweiz lebt, hat formal keine Rolle mehr im Unternehmen. Der kinderreiche 82-Jährige ist aber Haupteigner der Gruppe, die ihren Sitz in Luxemburg hat.

Stefan Müller war zwar seit Ende der 90er-Jahre im väterlichen Unternehmen tätig. Im sächsischen Leppersdorf leitete er viele Jahre den größten und modernsten Produktionsstandort der Molkerei-Gruppe. Der Sohn war zudem Mitglied der Zentralen Geschäftsführung der Gruppe.

Stefan Müller

Der älteste Sohn von Theo Müller ist seit Jahresanfang Chef des Aufsichtsrats der Großmolkerei. Nun kauft er auf dem Heimatmarkt zu.

(Foto: imago stock&people)

Doch vor einigen Jahren verließ er das väterliche Unternehmen plötzlich, die genauen Umstände wurden nicht bekannt. Stefan Müller blieb danach der Milch treu – als Geschäftsführer von Colostrum Biotec in Königsbrunn. Die Firma produziert Nahrungsergänzungsmittel aus Colostrum, der ersten sehr nahrhaften Milch, die eine Kuh nach dem Kalben gibt.

Der kantige Macher Theo Müller konnte nur schlecht loslassen von der Macht. Mit viel Elan und Geschick hatte er die Dorfmolkerei seines Vaters mit vier Mitarbeitern seit 1971 zu einem erfolgreichen internationalen Konzern aufgebaut. Durch Zukäufe wuchs die Zahl der Beschäftigten auf heute 31.700. Mit TV-Werbung mit Fußballstar Gerd Müller dem Slogan „Alles Müller, oder was?“ machte er Müller Milch von der lokalen zur national bekannten Marke.

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Doch nicht alles lief rund. Vom US-Markt hatte sich das Unternehmen 2015 nach nur drei Jahren wieder zurückgezogen. Die zugekaufte schwächelnde Restaurantkette Nordsee wurde im Herbst 2018 abgestoßen. Die Milchtochter in Großbritannien musste restrukturiert werden. In der Zentrale gaben sich die Manager die Klinke in die Hand.

Rückkehr des verlorenen Sohns

Zum 80. Geburtstag vor zwei Jahren besann sich der Patriarch überraschend seiner familiären Wurzeln und übergab sein Aufsichtsratsmandat an seinen ältesten Sohn. „Ich bin froh, dass Stefan wieder da ist“, kommentierte der pressescheue Theo Müller damals die Rückkehr.

Seitdem hat Sohn Stefan zahlreiche Manager an Schlüsselstellen ausgetauscht. Die unrentable Sparte Feinkostsalate Homann samt Marke wurde vor einem Jahr an den niederländischen Salathersteller Signature Foods verkauft. Das Hauptwerk in Dissen mit 400 Mitarbeitern wurde geschlossen. 2021 führte Müller Milch auch erstmals vegane Produkte ein, zwar deutlich später als der Wettbewerb, aber erfolgreich. Mit dem Zukauf der Marken von Friesland Campina setzt Stefan Müller nun weitere Akzente.

Theo Müller Gruppe

Zur größten Privatmolkerei Deutschlands zählen Marken wie Müller Milch, Weihenstephan und Sachsenmilch.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Niederländer übernahmen in den 90er-Jahren die Molkerei Südmilch, die durch den Zukauf von Sachsenmilch zahlungsunfähig geworden war. Weitere Marken und Milchwerke etwa in Köln kamen hinzu. In den letzten Jahren war das Geschäft jedoch von sinkenden Umsätzen, Stellenabbau und Umbauten geprägt. „Folgerichtig beendet Friesland Campina mit dem Verkauf seine jahrelangen Sanierungsversuche“, meint Branchenexperte Jonczyk.

„Die Marktposition und Rentabilität von Friesland Campina in Deutschland wurde in den letzten Jahren durch gezielte Maßnahmen wesentlich verbessert“, spielt Roel van Neerbos, Präsident von Friesland Campina Food & Beverage, auf die schwierige Lage an. Unter dem Dach der Theo Müller-Gruppe könne das Geschäft durch Synergievorteile weiter ausgebaut werden, ist er überzeugt. In Deutschland wollen sich die Niederländer auf den Vertrieb ihrer internationalen Marken wie die Fleischersatzprodukte von Valess, die Kakaomilch Chocomel und Käsemarken wie Frico sowie Sprühsahne konzentrieren.

Milchpreise steigen stark

Die Milchwirtschaft gehört zu den größten Lebensmittelbranchen hierzulande. Sie erzielte 2021 einen Umsatz von etwa 29 Milliarden Euro, so das Statistische Bundesamt. Knapp ein Drittel davon wird im Ausland erwirtschaftet.

Allerdings durchlebt die deutsche Milchbranche gerade bewegte Zeiten. Die deutschen Milchbauern liefern weniger Rohmilch, denn die Kosten für Futter und Energie haben stark zugelegt. Derweil hat die weltweite Nachfrage nach Milchprodukten stark angezogen. Die Preise für Milch und Butter sind nicht zuletzt durch Hamsterkäufe seit dem Ukrainekrieg massiv gestiegen. Molkereiprodukte kosteten im Mai im Schnitt bereits 18 Prozent mehr als im Vorjahr.

„Die aktuelle Kaufzurückhaltung und Preissensitivität der Verbraucher infolge der anhaltenden Inflation stärkt die Handelsmarken“, beobachtet Marktkenner Jonczyk. Das zwinge Markenhersteller verstärkt in Aktionsangebote, was wiederum den Ertrag belaste. Es werde sich zeigen, inwiefern Müller das krisengeschüttelte Geschäft von Friesland Campina in der aktuellen turbulenten Zeit in der Molkereiwirtschaft wieder zu Wachstum und Ertrag führen könne. Entscheidend sei dabei das Heben von Synergien. „Inwieweit daher alle Standorte langfristig bestehen bleiben können, bleibt abzuwarten“, meint der Milchexperte.

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