Milliarden gegen die Hungerkrise – doch Hilfsorganisationen reagieren alarmiert

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Erstellt: 28.06.2022, 17:50 Uhr

Von: Anna-Katharina Ahnefeld

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Vertreter:innen der NGO „One“ veranstalten einen Protest mit Masken, die (L-R) Italiens Premierminister Mario Draghi, US-Präsident Joe Biden, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz, Japans Premierminister Fumio Kishida, Großbritanniens Premierminister Boris Johnson und Kanadas Premierminister Justin Trudeau, darstellen. Im Gespräch mit IPPEN.MEDIA kritisieren die Welthungerhilfe und Brot für die Welt die Beschlüsse der G7 zum weltweiten Hunger. © CHRISTOF STACHE / AFP

Die G7 will „gemeinsam gegen den Hunger“ vorgehen, verkündet Kanzler Olaf Scholz. Die Welthungerhilfe etwa reagiert trotzdem enttäuscht. Die Maßnahmen seien nur ein Anfang, reichten aber nicht aus.

Elmau – Die G7 haben dem weltweiten Hunger den Kampf angesagt. Schon wieder. Bereits bei vergangenen Treffen der mächtigsten demokratischen Industrieländer sollte durch Investitionen die Nahrungsmittelknappheit bekämpft werden. 2022 leiden laut Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen knapp 350 Millionen Menschen akut unter Hunger. Die Zahl ist durch Corona-Pandemie, Klimakrise und Kriege rasant angestiegen. Der eskalierte Ukraine-Konflikt hat die Not noch weiter verschärft, denn die Kornkammer Europas kann nur bedingt liefern. Ernteausfälle, Personalmangel und blockierte Häfen am Schwarzen Meer sorgen für steigende Preise und Engpässe auf dem Getreidemarkt. Das trifft die Ärmsten zuerst, vor allem im globalen Süden, die auf die Getreideexporte aus der Ukraine angewiesen sind.

Um eine Welternährungskrise abzuwenden, haben sich die Sieben nun verpflichtet, weitere 4,5 Milliarden US-Dollar bereitzustellen. „Wir gehen gemeinsam gegen den Hunger dieser Welt vor“, verkündete Gastgeber Olaf Scholz auf der Abschluss-Pressekonferenz auf Schloss Elmau. Den größten Anteil davon werde die USA schultern, teilte ein US-Regierungsvertreter mit, der dem russischen Präsidenten Wladimir Putin „Lebensmittel als Kriegswaffe“ vorwarf. Mit der zusätzlichen Finanzspritze summieren sich die Mittel der G7-Staaten für die globale Ernährungssicherheit seit Beginn 2022 auf rund 14 Milliarden US-Dollar.

G7-Gipfel zu Ukraine-Krieg: Milliardenhilfe gegen den Hunger – Kritik wird laut

Mathias Mogge, Generalsekretär und Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe, sieht im Gespräch mit IPPEN.MEDIA zwar „ein erstes, positiven Signal“. Gleichzeitig betont er: „Es reicht aber nicht aus. Wir fordern schon seit längerer Zeit 13 Milliarden Euro zusätzlich zu dem, was bisher für die Hungerbekämpfung bereitgestellt worden ist.“

2015 gab es in Elmau das Versprechen, 500 Millionen Menschen aus dem Hunger zu holen, das wird nicht mal mehr erwähnt in dem Abschluss-Kommuniqué.

Bereits vor dem Ukraine-Krieg seien die Preise für Getreide angestiegen, führt Mogge aus. Durch die russische Invasion sei jetzt jedoch davon auszugehen, dass durch Preissteigerungen der Zugang zu Nahrungsmitteln für Milliarden von Menschen weiter erschwert werde. Hinzu komme, dass auch die vorherigen G7-Gipfel es nicht vermocht hätten, den Hunger in Schach zu halten. „2015 gab es in Elmau das Versprechen, 500 Millionen Menschen aus dem Hunger zu holen, das wird nicht mal mehr erwähnt in dem Abschluss-Kommuniqué“, kritisiert Mogge.

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Ukraine-Krieg, Corona und Klimakrise: Experten fürchten humanitäre Katastrophe

Tatsächlich hat sich die Zahl der Hungernden laut Welternährungsprogramm in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt – und sprang von 135 Millionen Hungernden in 53 Ländern auf 345 Millionen Betroffene in 82 Ländern. In dieser Gemengelage zeigt sich Brot für die Welt ebenfalls höchst alarmiert. „Es ist wichtig, dass zusätzliche Gelder zur Verfügung gestellt werden, das allein reicht aber nicht, um die akuten Hungersnöte zu bekämpfen. Weltmarkt-Preise sinken nur, wenn Nahrungsmittel-Spekulation endlich eingedämmt wird und das Angebot steigt“, sagt Präsidentin Dagmar Pruin IPPEN.MEDIA. Und ergänzt: „Es darf nicht sein, dass es die G7 auch während dieser schweren Hungerkrise erlauben, Lebensmittel zur Erzeugung von Treibstoffen zu verwenden. Es landen weiterhin zu viele Lebensmittel in Tank und Trog statt auf dem Teller.“

„Es darf nicht sein, dass es die G7 auch während dieser schweren Hungerkrise erlauben, Lebensmittel zur Erzeugung von Treibstoffen zu verwenden. Es landen weiterhin zu viele Lebensmittel in Tank und Trog statt auf dem Teller.

Auch Expert:innen befürchten laut Angaben der Deutschen Presse-Agentur die schlimmste humanitäre Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Angesichts dieser dramatischen Notlage erscheint die Milliardenspritze des G7-Gipfels in Elmau im Kampf gegen den weltweiten Hunger tatsächlich eher wie ein Scheinriese. (aka)