Lebensmittel im Müll: “Der Endverbraucher ist wahnsinnig unvernünftig”

In Deutschland werfen vor allem Privathaushalte viele noch genießbare Lebensmittel weg. Der Endverbraucher hat einen Anteil an der Gesamtmenge von mehr als 50 Prozent.
Foto: Khaligo/stock.adobe.com
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Es sind Zahlen, die zum Nachdenken anregen sollten: Rund 82 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche pro Jahr in den Müll. Zieht man Knochen, Schalen oder Gräten ab, bleiben immer noch circa 50 Kilogramm übrig. Insgesamt landen in Deutschland so 18 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr in der Tonne. Das meiste davon wäre vermeidbar.

Doch das Problem sind nicht unbedingt Lebensmittelhändler, Landwirte oder Restaurants. “Die letzte Stufe, der Endverbraucher, macht über die Hälfte aus”, erklärt Beate Scheubrein. Die DHBW-Professorin weiß, wovon sie spricht, beschäftigt sie sich doch schon lange mit den verschiedenen Aspekten der Lebensmittelverschwendung.

Seit 2018 gibt es an der Hochschule ein Kooperationsprojekt mit dem Land Baden-Württemberg, das sich diesem Thema widmet. Mehrere Tausend Datensätze seien seitdem gesammelt worden, es wurden qualitative Befragungen durchgeführt, und die Studenten analysierten ihr eigenes Verhalten. Das Ergebnis war immer ähnlich: Private Haushalte werfen zu viele Lebensmittel weg.

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Problem ist die Unkenntnis, es fehlt Alltagskompetenz

“Das Problem ist: Es fehlt einfach das Know-how”, sagt Beate Scheubrein. “Der Endverbraucher ist einfach wahnsinnig unvernünftig.” Die Studiendekanin könnte sich deshalb ein Schulfach vorstellen, in dem Kompetenzen wie die Verwertung von Lebensmittelresten behandelt werden. In Berlin beispielsweise gibt es diese Unterrichtsinhalte bereits. Im Fach Arbeitslehre lernen die Schüler Nähen oder eben Kochen. Wenn man etwas bewegen wolle, müsse die entsprechende Alltagskompetenz sowie Lebensführung da sein. “Leider kommt die selten aus den Elternhäusern”, so Scheubrein, “denn die haben auch oft wenig Wissen.”

Unkenntnis sei ein daraus resultierendes Problem. Zum Beispiel darüber, dass das aufgedruckte Mindeshaltbarkeitsdatum (MHD) nicht automatisch mit “ungenießbar” gleichzusetzen ist. Gesetzliche Vorschriften, wie lange das MHD ist, gibt es in Deutschland nicht. “Der Hersteller garantiert damit, dass Optik und Geschmack optimal sind. Mehr nicht”, erklärt Beate Scheubrein. Doch auch wenn die Erdbeermarmelade nicht mehr tiefrot sei: “Man kann sie nach wie vor essen.” Doch viele Menschen schmeißen den Becher oder das Glas dann lieber in den Müll.

Im Fokus liegen Supermärkte statt Endverbraucher

Der Knackpunkt liegt wie gesagt beim Endverbraucher. Doch im Fokus der Öffentlichkeit stehen meistens Supermärkte, die in ihren Müllcontainern eigentlich noch genießbare Lebensmittel entsorgen. Sei es, weil sie optisch nicht mehr attraktiv genug für den Verkauf sind oder eben weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Rund 2,6 Millionen Tonnen werfen sie jährlich weg. Gastronomiebetriebe kommen auf 3,4 Millionen Tonnen.

Spanien und Frankreich sind einen Schritt weiter

In Spanien wurde vergangene Woche ein Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht, der vor allem die Gastwirte in die Pflicht nimmt. Sie sollen, sobald das Parlament das Gesetz verabschiedet hat, verpflichtet werden, übriggebliebenes Essen zum Mitnehmen anzubieten. Der Handel soll ebenfalls einbezogen werden. Supermärkte werden aufgefordert, die Preise zu senken, wenn das MHD näher rückt. Was nicht verkauft wird, soll statt auf dem Müll als Spende an Bedürftige und soziale Einrichtungen gehen.

Ein ähnliches Gesetz − das “Loi Garot” − gibt es bereits seit 2016 in Frankreich. Dort müssen Supermärkte ab einer gewissen Größe Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, an Tafeln oder Bedürftige spenden. Pro Vergehen droht eine Geldstrafe von 3750 Euro − wenn es jemand aufdeckt und klagt. Auch Italien verfolgt eine solche Politik. Und Deutschland? “Auch ohne so eine Vorgabe haben wir immer noch eine bessere Quote als zum Beispiel die Franzosen”, sagt Beate Scheubrein. Dort sei die Tafelstruktur erst vor einigen Jahren eingeführt worden. In Deutschland gibt es diese, wie sie sagt, “gut aufgestellte” Organisation bereits seit Jahrzehnten.

Wegwerfen ist nicht gleich Wegwerfen

Bei einer gesetzlichen Vorgabe sieht Scheubrein ein Problem vor allem im ländlichen Raum. Denn dort verfügen die Tafeln nur selten über Kühlfahrzeuge, sondern sind mit einfachen Transportern unterwegs. Milchprodukte wie Joghurt, Milch oder Quark könnten so nicht transportiert werden. Von Wurst und Fleisch ganz zu schweigen. “Da nutzt das beste Gesetz nichts, weil es nicht umgesetzt werden könnte.” Wieder verweist Beate Scheubrein auf die Verantwortung jedes einzelnen.

Und auf die Tatsache, dass Wegwerfen auch nicht gleich Wegwerfen ist. Landet beispielsweise ein Hackfleischpattie im Müll, sei das durch den generell schlechten ökologischen Fußabdruck problematischer, als einen halben Apfel wegzuwerfen. Zumindest, wenn er aus der Region kommt und relativ frisch geerntet ist. Denn je länger die Saison, die in Deutschland bis Oktober reicht, zurückliegt, desto schlechter wird auch die Bilanz des Kernobstes. Um den Apfel frisch und knackig zu halten, wird er über Monate bei vier Grad gelagert. “Deshalb sind die chilenischen im Frühjahr weniger belastet”, erklärt Beate Scheubrein.

Eigentlich bräuchte die Menschheit keinen Aha-Moment mehr, der sie aufrüttelt, sagt Beate Scheubrein. “Wir müssen aber immer weiter an diesem Thema arbeiten.” Sensibilisieren, bereits bei den Jüngsten Bewusstsein schaffen und auch ein Stück weit auf früher, als aus Resten noch ganze Abendessen gekocht wurden, besinnen − das sind die Aufgaben, die schnell angegangen und umgesetzt werden müssen.