Lebensmittel: Gesund auf einer Skala von eins bis 100

Bei frischem Obst und Gemüse ist die Sache relativ klar. Wenn es um verarbeitete und verpackte Speisen und Getränke geht, wird es schon schwieriger zu entscheiden, wie gesund ein Produkt ist. Wer es genauer wissen möchte, muss in vielen Ländern – wie auch in Österreich – oft das Kleingedruckte lesen. Eine genaue Nährwertdeklaration ist seit einigen Jahren verpflichtend. D.h., es muss aufgelistet werden, wie viele Kilokalorien, Fett, gesättigte Fettsäuren, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß und Salz ein Lebensmittel enthält. Außerdem müssen Allergene extra ausgewiesen werden. Zusätzliche Angaben zu Vitaminen und Co. sind ebenfalls möglich.

Für Konsumentinnen und Konsumenten sei das allerdings nur begrenzt hilfreich, kritisieren Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen seit Jahren. Denn die meisten Menschen hätten keine Vorstellung, was die Angaben eigentlich bedeuten. Gefordert werden anschaulichere Methoden, wie die in Großbritannien seit vielen Jahren verwendete Lebensmittelampel oder der in Frankreich von Forscherinnen und Forschern entwickelte „Nutri-Score“, der von der Verbraucherorganisation Foodwatch Österreich als das derzeit beste System bezeichnet wird. Verwendet wird dabei eine fünfteilige Farbskala, die angibt, wie gesund ein Nahrungsmittel oder ein Getränk ist: Von grün bis rot, also von gut bis ungünstig.

Mehr Kriterien berücksichtigt

Aber auch dieses System ist nach Ansicht von Ernährungsexperten unzulänglich. Wie die Forscherinnen und Forscher um Dariush Mozaffarian von der Tufts University in Boston ausführen, bewerten „Nutri-Score“ und Co. nur bestimmte Nähr- und Inhaltsstoffe, wie etwa den Zucker- oder Salzgehalt von Lebensmitteln. Neuere Erkenntnisse werden meist kaum berücksichtigt, als Beispiele nennen sie den gesundheitlichen Nutzen bzw. Schaden von sekundären Pflanzenstoffen, Zusatzstoffen und Verarbeitungsprozessen. Außerdem werde der Gesundheitswert in der Regel per Gramm bemessen, was nicht immer sinnvoll sei.


Tufts University

Der neue von Mozaffarian und Kollegen entwickelte und nun im Fachmagazin „Nature Foods“ präsentierte „Food Compass“ verwendet daher deutlich mehr Kriterien zur Berechnung des Gesundheitswerts von Speisen und Getränken auf einer Skala von eins bis 100. Der Wert gilt nicht pro Gramm, sondern pro Kalorie, um den unterschiedlichen Wassergehalt von Lebensmitteln Rechnung zu tragen.

Insgesamt sind es 54 Gesundheitskriterien aus neun Bereichen. Berücksichtigt werden dabei Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe genauso wie Fett- und Ballaststoffgehalt. Auch künstliche Zusatzstoffe und verschiedene Verarbeitungsprozesse werden bewertet. Ein Algorithmus fasst alles in eine Zahl. Getestet wurde die Bewertungsmethode dann an mehr als 8.000 Lebensmitteln.

Einfache Orientierung

Die gesündesten Lebensmittel erzielen 100 Punkte: Diesen Wert erreichen viele rohe Früchte wie etwa Himbeeren. Insgesamt liegen Obst und Gemüse mit einem Durchschnittswert von 73,9 bzw. 69,1 im oberen Drittel der Skala. Auch Nüsse und Samen werden sehr hoch bewertet. Die Bewertung von Fleischprodukten fiel sehr unterschiedlich aus: Rind erzielt im Schnitt 24,9, Geflügel 42,67 und Meeresfrüchte 67 Punkte. Getränke verteilen sich ebenfalls über das gesamte Spektrum: Süße Soft- und Energydrinks erhalten nicht viel mehr als 25 Punkte. Obst- und Fruchtsäfte im Schnitt 67. Am unteren Ende der Skala finden sich Snacks, Fertiggerichte und viele Süßspeisen.

Lebensmittel mit Bewertungen von über 70 kann man laut den Forschern bedenkenlos konsumieren. Bei Produkten, die mit 31 bis 69 Punkten bewertet werden, solle man besser Maß halten, die am niedrigsten bewerteten Nahrungsmittel am besten nur sehr selten essen oder trinken.

Wie die Studienautoren betonen, ist das System insgesamt deutlich genauer und auch differenzierter als beispielsweise der „Nutri-Score“. Das zahlenbasierte System sei auch sehr praktisch: Man kann damit auch den kombinierten Gesundheitswert von Gerichten mit vielen Komponenten oder den eines kompletten Einkaufs ganz einfach berechnen. Der „Food Compass“ bzw. der dahinterliegende Algorithmus wurde außerdem so entworfen, dass er sich leicht weiterentwickeln lässt. Man könne weitere Merkmale und Kriterien ergänzen, sobald es neues Wissen zum gesundheitlichen Nutzen von Nahrungsmitteln und ihren Inhaltstoffen gibt. Auch Aspekte der nachhaltigen Produktion könnten problemlos integriert werden.