Kampf gegen Übergewicht: So können Sie mit Hormonen abnehmen – Gesundheit

Es ist so leicht gesagt: einfach weniger essen, um überflüssige Kilos loszuwerden. Aber was, wenn man nie satt wird und der Appetit darum schier übermächtig? Daran sind meist Hormone schuld. Aber genau diese können wiederum gegen Übergewicht helfen.

Das ist eines der Themen der 6. Deutschen Hormonwoche der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE).*

Hormone aus dem Magen-Darm-Trakt haben eine fundamentale Bedeutung für unser Appetit- und Sättigungsgefühl.

„Sie haben eine direkte Verbindung ins zentrale Nervensystem und teilen unserem Sättigungszentrum im Gehirn mit, wie gut wir energetisch versorgt sind. So nehmen wir wahr, ob wir hungrig oder satt sind. Einfach erklärt: Wenn wir essen, wird die Nahrung im Darm aufgenommen und Hormone werden ausgeschüttet, die Signale ans Gehirn senden – wir hören auf zu essen“, sagt Prof. Jens Aberle (49), ärztlicher Leiter des Ambulanzzentrums des Fachbereichs Endokrinologie, Diabetologie, Adipositas und Lipide am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Störung kann genetisch bedingt sein

Bei krankhaftem Übergewicht (Adipositas) sind diese hormonellen Impulse, die mitteilen, dass man satt ist, gestört. Prof. Aberle: „Diese Störung kann sich im Laufe des Lebens entwickeln. Aber bei etwa fünf Prozent der adipösen Menschen liegt das an einer genetischen Erkrankung, die sich schon früh im Kinder- und Jugendalter zeigen kann.“

Zwei Drittel der Männer (67 Prozent) und mehr als die Hälfte der Frauen (53 Prozent) in Deutschland sind laut Robert-Koch-Institut übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen sind mit einem BMI über 30 adipös. Auch viele Kinder und Jugendliche bringen zu viele Kilos auf die Waage: 15,4 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen leiden an Übergewicht, 5,9 Prozent von ihnen an Adipositas.

Der Körper strebt nach immer mehr Kilos

„Bei Adipositas kann der sogenannte Set-Point, also die Sättigung, leider nur nach oben verschoben werden. Das führt dazu, dass jede Steigerung des Gewichts als positiv wahrgenommen wird: Zunehmende hormonelle Impulse bringen den Menschen dazu, immer mehr zu essen“, erklärt Prof. Aberle.

Der Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie weist darauf hin, dass aber auch zu wenig Bewegung und Lebensmittel mit einer hohen Energiedichte eine Rolle spielten. „Gerade in angeblich spezieller Kindernahrung sind oft zu viel Zucker, Salz und zu viele Fette.“


Foto: UKE

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Prof. Jens Aberle (49), Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Adipositas-Experte der Deutschen Gesellschaft für EndokrinologieFoto: UKE

Die Behandlung von starkem Übergewicht erfolgt in mehreren Schritten. „Dafür ist viel Disziplin nötig“, weiß Prof. Aberle. Diät und Bewegung sind immer die Basistherapie. Aber oft schafften es die Patienten damit nicht abzunehmen und seien verzweifelt. Bleibt der Erfolg aus oder hat der Patient medizinische Nachteile durch Adipositas, bietet sich eine Hormontherapie an.

Hormone ähnlich effektiv wie eine Operation

Sogenannte Inkretinmimetika sind derzeit das Mittel der Wahl. Das sind modifizierte, also synthetisch nachgebildete Darmhormone, die aber körperlichen Hormonen relativ nah sind. „Sie geben Sättigungsimpulse. So lassen sich etwa zehn bis 15 Prozent des Körpergewichts abnehmen. Inkretinmimetika können beim Abnehmen einen ähnlichen Effekt wie eine Magenverkleinerung bringen, sind aber kein Wundermittel. Wer 50 Kilogramm oder mehr abnehmen muss, braucht eher eine Operation“, sagt Prof. Aberle, der auch DGE-Adipositas-Experte ist.

Aber: „Die Hormontherapie bei Adipositas ist stark im Kommen, es wird viel geforscht, und die Entwicklung ist aussichtsreich. Ich rechne damit, dass wir in ein paar Jahren mehrere Präparate haben, die bis zu 25 Prozent des Körpergewichts reduzieren können. Das ist auch notwendig, weil krankhaftes Übergewicht ein so großes Problem geworden ist.“

Medikamentöse Therapie ist keine Kassenleistung

In der klinischen Praxis würden die Hormonbehandlungen in der Regel ein halbes bis ein Jahr lang durchgeführt, berichtet Prof. Aberle. Das koste je nach Dosis zwischen vier und acht Euro pro Tag. „Zum jetzigen Zeitpunkt erstatten die Krankenkassen die Hormontherapie allerdings nicht, denn Medikamente zur Appetitzügelung gelten als Lifestyle-Präparate.“

* Mit der Deutschen Hormonwoche beleuchtet die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie jetzt zum sechsten Mal das Thema „Hormon- und Stoffwechselerkrankungen“. Noch bis zum 25. September möchte die DGE in bundesweiten Veranstaltungen über wichtige Zusammenhänge im Hormonhaushalt aufklären und Hilfe zur Selbsthilfe geben.