Ist veganes Hundefutter artgerecht?

“Für viele ist es Tierquälerei. Wenn ich das öffentlich mache, werde ich gesteinigt.” So erklärt eine 38-jährige Hundehalterin aus Kulmbach, warum sie lieber anonym bleiben möchte. Seit mehr als einem Jahr ernährt sie ihre beiden Vierbeiner vegan. Zuvor hatte sie sich sorgfältig informiert. So weiß sie, dass veganes Hundefutter wichtige Zusatzstoffe braucht, vor allem Taurin, L-Carnitin und Methionin, oder, dass man nur erwachsene Tiere vegan ernähren sollte.

“Meine Hunde fressen das vegane Futter gerne”

Das Futter bestellt sie im Online-Handel, auch Leckerlis und Kauartikel. Unter den Zutaten, die auf den Verpackungen stehen, sind Kartoffeln, Reis, Erbsen, Karotten, Rote Beete oder Seegras. “Meine Hunde fressen das vegane Futter gerne. Gezwungen hätte ich sie dazu nicht”, erklärt die Frau. Ihre beiden Vierbeiner sehen gesund aus und verhalten sich aufgeweckt und neugierig. Die Kulmbacherin selbst lebt seit mehr als zwei Jahren vegan. Aus gesundheitlichen Gründen hatte ihr der Arzt zunächst geraten, auf Fleisch zu verzichten. Der Umstieg von der vegetarischen auf die vegane Lebensweise habe dann nicht lange gedauert, als sie sich über die Produktion von Eiern und Milch informierte. “Ich finde es schlimm, dass den Kühen die Kälber weggenommen werden”, sagt sie.

Die ehemalige Tierheimleiterin Susanne Schilling bestätigt: “Es ist ein Dilemma für menschliche Veganer, wenn sie Tiere zu Hause haben. Ein Schwein ist ja nicht weniger wert als ein Hund.” Nüchtern betrachtet brauche jedes Lebewesen keine bestimmten Lebensmittel, sondern lediglich bestimmte Nährstoffe. Bereits jetzt nutze die Futtermittelindustrie wenig nahrhafte Schlachtabfälle wie Hühnerfüße, Hufe oder Häute, koche sie ab und setze erst im Nachhinein Nährstoffe zu.

Auf die Frage, ob vegane Ernährung artgerecht sei, antwortet Schilling: “Was wir jetzt machen, ist auch nicht artgerecht.” Fleisch finde man eher in teurem Futter. Das schneide aber aufgrund seiner Nährstoffzusammensetzung oft bei Warentests schlechter ab als die “Billigmarken”. Zusätzlich hätten viele Hunde derzeit Allergien oder Unverträglichkeiten gegenüber bestimmten Fleischsorten. Eine vegane Ernährung sei für Hunde vielleicht sogar gesünder.

Auf Rohkost verzichten

Professorin Ellen Kienzle ist Inhaberin des Lehrstuhls für Tierernährung und Diätetik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Ihr zufolge sind Hunde sogenannte Fleisch-Allesfresser. Vegetarisch könne man sie durchaus ernähren und auch “eine vegane Ernährung wird im Erhaltungsstoffwechsel von Hunden nach bisherigen Erkenntnissen ohne erkennbare Schäden toleriert”, so Kienzle. Sie weist darauf hin, dass Laien davon absehen sollten, selbst veganes Futter zusammenzustellen, vor allem auf Rohkost sollte man verzichten. Bei industriell hergestelltem Futter sei die Wahrscheinlichkeit größer, dass es den Nährstoffbedarf des Hundes deckt. Das sei jedoch nicht immer der Fall.

“In einer Feldstudie zur vegetarischen Hunde- und Katzenernährung wiesen viele Produkte keine sehr ausgewogene Zusammensetzung auf”, so Kienzle. Das liege daran, dass “bisher die meisten Firmen, die über eine eigene Forschungsabteilung und damit über überdurchschnittliches wissenschaftliches Know-how verfügen, einer vegetarischen Ernährung fleischfressender Spezies kritisch gegenüberstehen”. Eine Anfrage der BR an die Fressnapf-Gruppe, der größten Fachhandelskette für Tierbedarf in Europa, blieb unbeantwortet.

Im Gegensatz zum Hund ist die Katze ein strikter Fleischfresser mit einem extrem angepassten Stoffwechsel, der noch nicht vollständig erforscht ist. “Bei Katzen ist eine vegetarische Ernährung jeder Art weit kritischer zu sehen als bei Hunden”, betont Kienzle. Hier spiele die Nahrungsprägung eine wichtige Rolle, das heißt, Katzen fixierten sich dauerhaft auf eine bestimmte Nahrungsart. Der Tiermedizinerin zufolge ist die Umstellung auf vegetarische Kost oft unmöglich, da sie sie gar nicht als Nahrung wahrnehmen.

Zwangsfütterung ist abzulehnen

Hier bliebe nur die Zwangsfütterung, doch die sei aus Tierschutzgründen abzulehnen. Nehme die Katze das vegetarische Futter an, wäre dies bei erwachsenen, gesunden Tieren, die nicht tragen oder säugen, vertretbar. Eine vegane Katzenernährung ist noch nicht ausreichend erforscht und käme einem nicht genehmigten, unkontrollierten Tierversuch gleich. “Solange ein großer Teil der Bevölkerung Fleisch isst, gibt es keinen Grund, Katzen vegan zu füttern. Es wird deswegen nicht ein einziges Tier weniger geschlachtet.”

Der Futtermittelindustrie wurde in den vergangenen Jahren vorgeworfen, gesundheitsschädliche Zutaten zu verwenden. “Tierfutter ist, wenn man es mit für Menschen gedachte Lebensmittel vergleicht, wenig transparent”, bestätigt Rechtswissenschaftler Kai Purnhagen von der “Fakultät für Lebenswissenschaften: Lebensmittel, Ernährung und Gesundheit” der Universität Bayreuth in Kulmbach. Laut EU-Recht müssten nur “Name oder Firma sowie Anschrift des für die Kennzeichnung verantwortlichen Futtermittelunternehmers” aufgeführt werden. Purnhagen zufolge heiße “made in Germany” nur, dass die Futtermittel dem letzten wesentlichen, wirtschaftlich gerechtfertigten Be- oder Verarbeitungsprozess im Inland unterzogen wurden. Das könne auch bedeuten, dass das Futter erst in Deutschland zusammengemixt wurde. Um genau herauszufinden, woher die Zutaten im Tierfutter stammen, müsste man direkt beim Hersteller anfragen. Auskunftsverpflichtet sei dieser jedoch nicht, so Purnhagen.

Aufgrund der mangelnden Transparenz und den teils fraglichen Praktiken von Futtermittelkonzernen, greifen viele Haustierhalter mittlerweile etwas tiefer in die Tasche. Sie füttern Rohkost, sogenannte BARF-Produkte, oder hochpreisiges Nass- oder Trockenfutter. Viele Marken werben mit einem “hohen Fleischanteil” oder mit Zutaten in “Lebensmittelqualität”. Für die 38-jährige Hundehalterin aus Kulmbach ist das ethisch nicht vertretbar. “Ich will nicht, dass extra für meine Hunde Tiere geschlachtet werden.”

Künftig Fleisch aus dem Labor?

Susanne Schilling, die seit zwölf Jahren vegan lebt, füttert ihre eigene Katze mit herkömmlichem Futter. “Das enthält zum Glück nur einen Bruchteil Fleisch”, sagt sie. Die von den meisten Tierhaltern bemängelten hohen Getreideanteile sieht sie positiv. Für Schilling liegt eine große Chance in Fleisch aus dem Labor. Das wird aus Zellkulturen gezüchtet, die Methode gebe es bereits, doch sie sei noch nicht marktreif. Damit wäre nicht nur das Problem der Haustierernährung gelöst, sondern auch das der Ernährung des Menschen, bestätigt Schilling. Sie fügt hinzu: “Ich hoffe, das wird die Zukunft sein.”