Influencer in der Pandemie: Zwischen Selbstliebe und Gemeingefährdung

Insbesondere in den USA lassen sich Verbindungen zwischen Wellness und Anti-CoV-Maßnahmen-Ideologie erkennen. Nicht selten geht das mit rechtsextremem Gedankengut einher. Die QAnon-Gruppe verbreitet etwa Verschwörungstheorien mit rechtsextremem Hintergrund in Internet und sieht hinter der Pandemie einen von der Regierung ersonnenen Plan – all das basiert freilich, wie es in der Natur von Verschwörungstheorien liegt, nicht auf Fakten.

Öffnet man etwa Melissa Rein Livelys Instagram-Seite, so zeigt sich ein Bild von blauen Lagunen, runden Hippiebrillen und Outfits im Boho-Style. Selbst beschreibt sich Lively als Liebhaberin von „Wellness, natürlicher Gesundheit, biologischem Essen“ sowie „Yoga, Ayurveda, Meditation etc.“. Blickt man jedoch genauer hin, wird deutlich, dass sie auch eine politische Botschaft hat. Diese lautet: Das Coronavirus sei fake.

Höhepunkt ihrer Kampagne gegen die Maßnahmen, das Coronavirus einzudämmen, war die Eskalation in einem US-Supermarkt. In der ursprünglich auf Instagram geposteten Story, die im Juli 2020 entstand, ist zu sehen, wie Lively aggressiv mit den Worten „Das ist alles vorbei“ Masken von einem Regal räumt. Nachdem sie von einer Verkäuferin aufgefordert wird, das sein zu lassen, beschwert sie sich lautstark: „Warum? Kann ich das nicht tun, weil ich eine blonde weiße Frau bin? Weil ich eine verdammte 40.000-Dollar-Rolex trage? Habe ich nicht das Recht, Mist zu bauen?“ Anschließend wurde sie kurzzeitig von der Polizei festgenommen.

Vereinnahmung bestimmter Hashtags

Hashtags, die Lively und Gleichgesinnte im Internet nutzen, sind beispielsweise „#doyourresearch“, also der Aufruf, selbst zu recherchieren, sowie „#savethechildren“. Letzteres hat zumeist nichts mit der gleichnamigen NGO zu tun, sondern ist ein von QAnon verbreiteter Slogan, dessen Ursprung in der falschen, völlig aus der Luft gegriffenen Behauptung fußt, die frühere demokratische US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton trinke das Blut von Kindern. Der Hashtag wird außerdem genutzt, um gegen Kinderhandel zu demonstrieren. Nicht zuletzt allerdings dafür, um gegen die Pharmaindustrie und CoV-Maßnahmen mobilzumachen.


www.savethechildren.org

Auf Instagram kommt der Hinweis, dass es sich bei der Suchanfrage möglicherweise nicht um die NGO handelt

Irreführend ist das deshalb, weil „#savethechildren“ und „#doyourresearch“ im Grunde wohlwollende, positive Botschaften sind und somit auch von Menschen benutzt werden, die nichts mit QAnon am Hut haben. Facebook zog aufgrund dieser Verwirrung letztes Jahr Konsequenzen und blockierte den Hashtag „#savethechildren“ kurzzeitig.

Mittlerweile erhält man auf Instagram eine Warnung bei der Eingabe des Hashtags: „Suchst du nach Infos zu Save The Children? Wenn du dich noch genauer über die humanitäre Organisation Save the Children informieren möchtest, besuche ihre Website.“ Anschließend steht zur Wahl, auf die Website zu klicken oder die unter „#savethechildren“ ungefilterten und verschwörungstheoretischen Inhalte auf Instagram anzusehen.

„Politische Desillusionierung“

Schon 2011 prägten die Soziologin Charlotte Ward und der Soziologe David Voas das Wort „Konspiritualität“ – vom Englischen „conspiracy“ (Verschwörung). Sie definierten den Begriff als „eine schnell wachsende Internetbewegung, die eine Ideologie zum Ausdruck bringt, die durch politische Desillusionierung und die Popularität alternativer Weltanschauungen genährt wird“.

„Alternative Weltanschauungen“ sind Trends, sich vermeintlich von der Masse abzuheben – etwa mit einer neuen Diät, Esoterik und so weiter. Nahe liegt dann den Soziologen zufolge die Kollision mit alternativen Onlinetheorien zu politischen Themen. So kann es schon einmal passieren, dass eine Influencerin ihren Userinnen rät, besser zu fasten, als sich impfen zu lassen, oder sich vegan zu ernähren, um sich vor dem Coronavirus zu schützen – beides selbstverständlich Unsinn.

Expertinnen und Experten sind sich einig, dass Wellness für das Virus keinen Unterschied macht. Einzig könne eine gesunde Lebensweise möglicherweise die Heftigkeit der Symptome positiv beeinflussen, wie etwa Forscherinnen und Forscher im „British Medical Journal“ („BMJ“) schlussfolgerten. Doch dieselbe Studie wurde gleichzeitig kritisiert, da sie lediglich auf Selbstangaben der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer basiert.

Wertvolle Wellnessbranche

Laut dem Global Wellness Institute, einer NGO, die sich mit der Wellnessbranche auseinandersetzt, ist der Bereich wirtschaftlich gesehen weltweit rund 4,5 Billionen US-Dollar (rund vier Billionen Euro) wert. Welchen Unterschied einzelne Marken machen, zeigt etwa Schauspielerin, Unternehmerin und Wellness-Influencerin Gwyneth Paltrow, deren Marke Goop allein 250 Millionen US-Dollar wert ist. Im Mai dieses Jahres stellte Paltrow auf der Goop-Website eine Liste von Produkten zusammen, die ihr „Ganzheitsmediziner“ zur Linderung von „Long Covid“ empfiehlt – darunter eine Halskette zum Preis von 8.600 US-Dollar.

Screenshot Medallion


www.goop.com

Die teure Kette von Paltrows Label Goop hilft freilich nicht gegen Long-Covid-Symptome

Überschneidungen der Wellness-Gemeinschaft mit Verschwörungstheorien würden sich in der Denkweise zeigen, wie etwa der „Guardian“ kürzlich schrieb: Skepsis gegenüber Autoritäten, Schulmedizin, das Misstrauen gegenüber alteingesessenen Institutionen. Durch die Pandemie und durch Social Media scheint dieses Infragestellen zusätzlich erleichtert.

„Anfälligkeit für Fehlinformationen“

„Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Akzeptanz des Wellnessbooms und der Anfälligkeit für Fehlinformationen“, erklärte Timothy Caulfield, Vorsitzender des Instituts für Gesundheitsrecht an der University of Alberta in Kanada gegenüber der Zeitung. „Da es bei Verschwörungstheorien und Fehlinformationen zunehmend um Ideologie geht, wird es einfacher, sowohl den Wellness-Blödsinn als auch Verschwörungstheorien als Marke zu verkaufen.“

Mit anderen Worten: Wenn man zu einer Gemeinschaft gehören wolle, müsse man sich diese Überzeugungen zu eigen machen, erläuterte Caulfield weiter. „Die große Wissenschaft ist böse, Nahrungsergänzungsmittel helfen, sie können Ihr Immunsystem stärken, Impfstoffe wirken nicht.“ Caulfield hofft, dass durch die Pandemie eines Tages ein größeres Verständnis dafür herrschen wird, was die Tolerierung von Pseudowissenschaften anrichten könne. „Die gute Nachricht ist, dass sich immer mehr Menschen im Kampf gegen Fehlinformationen engagieren“, so der Jurist.

Influencerinnen werben für Impfung

Zu Beginn der Pandemie gab es einige Influencer auch im deutschsprachigen Raum, die sich gegen eine CoV-Impfung geäußert hatten – häufig jedoch im Sinne von „jeder, wie er will“. Nach diversen Shitstorms zogen es dann viele vor, sich zum Thema Pandemie gar nicht mehr zu äußern – aus heutiger Sicht ein schwieriges Unterfangen. Mittlerweile scheint der Trend zunehmend ins Gegenteil umzuschlagen. Eine der bekanntesten Influencerinnen in Österreich, die Unternehmerin Madeleine Alizadeh, spricht sich gegenüber den über 334.000 Abonnentinnen und Abonnenten ihrer Marke dariadaria etwa eindeutig für eine Impfung gegen das Coronavirus aus, wie sie in ihren Story-Highlights festhält.

Das Vertrauen, das besonders junge Menschen in Influencerinnen und Influencer haben, versuchte sich zuletzt auch die Wiener Stadtregierung zu eigen zu machen. Influencer und Influencerinnen wie Dävid Schindler und Alexandra Coveos wurden für Mikrokampagnen zur CoV-Impfung gewonnen. Die Maßnahme richtet sich vor allem an Jugendliche unter 16 Jahren. Aus den restlichen Bundesländern gibt es zum Teil ähnliche Aktionen. Ob sie zum erwünschten Erfolg führten, ist nicht bekannt.