In epischer Pracht überbordend mit Vergleichen und Bildern

So erzählt Nino Haratischwili in „Das mangelnde Licht“ von einer Freundschaft in Georgien

Von Anne Amend-Söchting


Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Un roman est un miroir que l’on promène le long du chemin“ – das vielleicht berühmteste Zitat von Stendhal ist mit das Erste, was einem einfällt, wenn man auf die charismatische Fülle trifft, die von den Texten der deutsch-georgischen Schriftstellerin und Theaterregisseurin Nino Haratischwili ausgeht. Ihre dickleibigen Romane sind in den großen Traditionslinien des europäischen Realismus seit dem 19. Jahrhundert zu verorten. Den Vergleich mit berühmten Namen wie Balzac, Flaubert, Stendhal, auch Tolstoi oder Dostojewski, braucht sie nicht zu scheuen, trotz kaum zu vermeidender Anflüge von jahrhundertetranszendierender Epigonalität.

So wie Das achte Leben. Für Brilka (2014), Haratischwilis erster Bestseller, in dem sie in einer grandiosen Rückwendung die mäandernde und tragische Geschichte einer Schokoladenfabrikantenfamilie aufrollt, führt auch Das mangelnde Licht nach Georgien. Mit einem ähnlichen Procedere taucht die Autorin von der Gegenwart des Erzählten in die Vergangenheit hinab, jedoch ohne einen Rahmen zu implementieren oder den Rückwendungen durchweg breiteren Raum als dem Gegenwärtigen zuzugestehen. Vielmehr bewältigt sie die mehr oder minder simultane Auffächerung zweier Zeitebenen in einem Akt des narrativen Auspendelns, der jede*n, die*der sich darauf einlässt, mit einem Höchstmaß an ästhetischer Dichte umfängt.

Keto, Dina, Nene und Ira – alle vier wohnen sie mit ihren Familien in einem der tiefen Innenhöfe im Sololaki-Viertel der georgischen Hauptstadt Tiflis bzw. Tbilissi. Exakt an dem Tag, als die vier Freundinnen ihre schulischen Abschlussprüfungen absolvieren, am 26. Mai 1991, finden die ersten freien Wahlen in Georgien statt. Zwar wird eine freie Republik ausgerufen, aber – so konstatiert Keto, die Ich-Erzählerin – „mit uns veränderten sich das Land, die Menschen und die Worte. Das Verborgene, vor den staatlichen Augen geheim Gehaltene unserer Kindertage wurde freigelegt, als hätte man einen Vorhang zur Seite geschoben“. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände, die auf die Unabhängigkeit Georgiens folgen, insbesondere die Machtübernahme durch eine Militärjunta im Dezember 1991, haben unmittelbare Auswirkungen auf die Freundinnen und ihr Umfeld, ziehen Ketten erbarmungsloser Ereignisse nach sich. 

Rati, Ketos Bruder, wird verhaftet. Als Keto und Dina, die Rati liebt, mit Hilfe einiger Freunde genug Geld beisammenhaben, um ihn aus dem Gefängnis freizukaufen, versperrt eine Demonstration ihren Weg zu ihm. Der Umweg über den Zoo misslingt, weil sie dort in eine gewalttätige Auseinandersetzung, bei der es bereits einen übel zugerichteten Toten gegeben hat, hineingeraten. Dina beschließt, die eigentlich für Ratis Freilassung bestimmte Summe den bewaffneten Mchedrioni zu überlassen, um den Tod eines zweiten jungen Mannes zu verhindern. Diese Begegnung im Zoo erweist sich insofern als Schlüsselereignis, als Dina sich, als Ersatz für das verlorene Geld, demjenigen anbietet, Nenes Bruder Zotne nämlich, der hinter Ratis Verhaftung steht. Rati kommt daraufhin auf freien Fuß. Während einer Auseinandersetzung mit Zotne erfährt er, was geschehen ist.

Nene, die nach dem Abitur nur den Wunsch hat, schnellstmöglich eine Familie mit ihrem geliebten Saba zu gründen, wird gegen ihren Willen von ihrem Onkel verheiratet. Als sie im Haus von Freunden mit Saba zusammenkommt, reist ihr der Ehemann nach und erschießt den Liebhaber, von dem sie bereits schwanger ist.

Ira, inzwischen Jura-Studentin, tritt ein Stipendium in den USA an, Keto vertieft sich in ihr Studium der Restaurierung und Dina macht eine Lehre als Fotografin. 

Nachhaltig destruktiv wirken zum einen die Rivalität zwischen Rati und Zotne sowie zum anderen der Mord an Nenes Liebhaber. Rati schießt eines Tages auf Zotne, der nur knapp überlebt.

Dina reist nach Abchasien, wo sie im Georgisch-Abchasischen Krieg fotografiert und nach den Schrecken nicht mehr in einem einigermaßen normalen Leben ankommt. Ein Jahr, nachdem Rati an einer Überdosis Heroin gestorben ist, nimmt sie sich das Leben.

Die tragischen Ereignisse aus den 1990er Jahren diffundieren in die Gegenwart einer Ausstellung von Dinas Schwarzweiß-Fotografien hinein, die Keto, Ira und Nene im Mai 2019 in Brüssel besuchen. Die drei haben sich lange nicht mehr gesehen, nähern sich peu à peu wieder einander an und wagen einen Blick auf das, was Nene und Ira voneinander entfernte: nach ihrem Studium bewarb sich Ira bei der Tbilisser Staatsanwaltschaft mit dem Ziel, die kriminellen Machenschaften von Nenes Bruder, dem „Drogenbaron“ Zotne, aufzudecken. Damit war sie erfolgreich.

So wie in Das achte Leben bedingen sich makro- und mikrosystemische Ebenen gegenseitig. Die Charaktere entfalten sich unter der Ägide der Zeitläufte, sie sind Geschöpfe, „Typen“ ihrer Zeit, um eine der wichtigsten Maximen des Balzacschen Realismus abzuwandeln. Als „individualisierte Typen“ oder „typisierte Individuen“ entwickeln und bewegen sie sich im Dschungel der Großstadt. Es nimmt nicht wunder, dass die Szene im Zoo weitere Fatalitäten triggert. Dort, wo die eigentlichen Tiere eingesperrt sind, bricht sich das Animalische im Menschen umso furioser und ungehinderter Bahn. 

Nino Haratischwili versteht es, inmitten der Darstellung aller politischen Turbulenzen auch die Psychogramme ihrer Protagonistinnen auszufeilen, ohne sich in Sentimentalitäten zu verlieren oder aufdringlich tief zu schürfen. Sie analysiert, wie die Illusionen verlustig gehen, wenn überbordende jugendliche Energien mit einer korrupten Welt kollidieren. Ketos homodiegetische, erzählende und am fiktionalen Geschehen partizipierende, Stimme ermöglicht detaillierte Einblicke in psychosoziale Hintergründe und Affektwelten, indem jede der Freundinnen als dezisiv markiert von Zeit und Raum und von in diesen situierten familiären Matrices präsentiert wird.

Das Land und „unsere malträtierte, leidgeplagte und im Chaos versunkene Stadt“, die revolutionären Wirren zu Beginn der 1990er Jahre, bringen das Quartett der Freundinnen hervor, deren Geschicke unentwirrbar miteinander verknüpft sind. Die Ereignisse „bedingen sich, sie scheinen ineinanderzugreifen, sie sind verschiedene Stränge der gleichen Geschichte, denn ich kann mich nicht ohne sie erzählen, ohne Dina, Nene und Ira bliebe ich nur ein Fragment“. Nach Nenes Dafürhalten zeichnet Keto für die tetrapolare Spannungsbalance verantwortlich, weil sie „das Gleichgewicht gehalten“ und „sich am meisten gesorgt“ habe. Die Vernetzung der Familien und der Freundinnen ist im Kontext einer prononcierten systemischen Perspektive zu lesen. 

Das Keto attribuierte Austarieren der Unstimmigkeiten lässt die Spannungen keineswegs verschwinden, sondern verlagert sie in intensivierter Form in die Psyche der erzählenden Protagonistin hinein. Traumatisierend wirkt vor allem die Szene im Zoo, zu der sie ihre Gedankenschleifen immer wieder zurücktragen und deren Auswirkungen sie nur lindern kann, indem sie sich in die Oberschenkel schneidet. Narbenlandschaften auf Ketos Haut spiegeln die Dilemmata. 

Ira, die Ehrgeizige, Intellektuelle, die erst spät zu ihrer Homosexualität stehen kann, verkörpert Geradlinigkeit und Justitia. Nur ihre unerwiderte Liebe zu Nene, einer gegensätzlich zu ihr konzipierten Figur, scheint sie kurzzeitig zu verunsichern. Diese lebt 2019 mal in Tiflis, mal in Moskau, geprägt von einer Familie, die unter der Tyrannei eines semikriminellen Onkels litt, aus deren Fängen sie sich befreite. Nene erscheint auch in Brüssel elegant und zurückhaltend. Sie ist sich ihrer Wirkung bewusst und akzeptiert es, alle Klischees traditionell interpretierter Weiblichkeit zu erfüllen. 

Dina, die Unkonventionelle, der kreative Part der Gruppe, findet früh Zugang zu Ketos Bruder Rati, der sich gegenüber anderen Menschen abschottet. Beide sind sie tragische Figuren, die „keine halben Sachen machen“ wollen, für die „Studieren und Lernen keinen Wert“ haben, die nicht gewillt sind, die „scheinheilige Verlogenheit“ und die „einzige Lüge“, die das „ganze Land“ sei, zu unterstützen. Dina ist kompromisslos, katapultiert sich mitunter in paroxysmale Spannungszustände hinein und oszilliert „zwischen einer vagen Sehnsucht und einer diffusen Angst“. Lediglich während ihrer Assistenzzeit in der Redaktion einer neu gegründeten Zeitung kann sie sich ein Refugium erschließen, einen Ort fernab jeder Enttäuschung und jeden Verrats, „an dem ihre Ansprüche nie hoch genug und ihre Erwartungen nie maßlos genug sein konnten, dass dort jede ihrer irrsinnigsten Ideen und ihre tollkühnsten Pläne auf fruchtbaren Boden fielen“. Schließlich sei sie der „Sucht nach einem Leben in der fatalen Nähe des Todes“ erlegen.

Bei genauerer Betrachtung sind zwei der Freundinnen, Ira und Nene, mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen tendenziell pragmatisch und wirklichkeitsbezogen. Die beiden anderen, Keto und Dina, überantworten sich der Macht ihrer Visionen – Dina negierend, kämpferisch, zuerst mit Fotografien die Missstände diagnostizierend, während Keto sich der Restauration vergangener Schönheit und Ideale widmet. In diesen Bestrebungen sind beide eng mit der Mutter der jeweils anderen verquickt: Dinas Mutter Lika, eine berühmte Restauratorin, fasziniert Keto und begeistert sie für den Prozess der Wiederherstellung alter Möbel und Fresken. Dabei schiebt sich Ketos eigenes und genuines Talent für das Zeichnen in den Hintergrund. Dina hingegen verschreibt sich mit ganzem Herzen der Fotografie, was Rati dazu bewegt, ihr die Leica seiner und Ketos Mutter zu überlassen, eine abenteuerlustige Frau, die während einer Bergtour und just beim Fotografieren zu Tode kam. 

Lika präfiguriert für Keto das Eintauchen in das palimpsestartig geschichtete Vergangene mit dem Ziel, davon die bestmögliche Version wiedererstehen zu lassen. Obwohl nach dem Restaurationsprozess nur die obere Lage sichtbar ist, bleibt das Ergebnis mehrdimensional, selbst dann, wenn es, nachdem alles Darunterliegende abgetragen wurde, imaginiert ist. Restauration avanciert bei Haratischwili zur Geste einer Dynamik, in der sich das Belastende von Vergangenheit und Gegenwart auflöst. Als Keto in ihren Semesterferien an einem Restaurationsprojekt teilnimmt und sich auf den Weg zur „Kuppel mit dem mystischen Licht“ begibt, „zerfallen […] all die sonst so quälenden Erinnerungsfetzen […] zu Staub“. Der Prozess des Restaurierens überflügelt das Ergebnis, was sich bei der Fotografie genau umgekehrt verhält, geht es doch darum, den Moment, das Gegenwärtige, einzufrieren, etwas Statisches mit diagnostischer Schlagkraft zu kreieren und damit die Betrachter*innen zum genauen Hinsehen zu motivieren. Bei beiden Kunstformen zählt zu guter Letzt die Perspektive, der formende und interpretierende Blick der Künstlerinnen – als mütterlich mitdeterminiert von Lika und Leica.

Der oft abrupte Wechsel zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem legt eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen nahe, eine Tiefenschärfe der Fotografie und ihre Erweiterung zu einem intensivierten Tableau, in dem, so wie im Prozess des Restaurierens, das Vergangene und das Gegenwärtige eine Union eingehen, sich somit ein Schwebezustand manifestiert, der auch auf einem gegenläufigen Erzählen beruht: auf einem einerseits insofern zeitdehnenden Erzählen, als der Besuch der Ausstellung in die Länge gezogen wird, und auf einem andererseits, bezogen auf die Rückwendungen in die Jahre 1987 bis 2010, zeitraffenden Erzählen. In dieser Situation temporaler Konkurrenz vermag sich die Zeit zu „pluralisieren“ – so Keto, als sie eine Parallelität von Vergangenheit und Gegenwart heraufbeschwört. Sie illusioniert, Ira „als stählerne, selbstbewusste Frau“ und zeitgleich als „kleines Mädchen“ vor sich zu sehen.

Epische Sprachkunstwerke sind permeabel, bieten den beiden anderen Naturformen der Poesie Einlass und/oder Anlass für Transformationen. Eine hohe Affinität zur Lyrik weist Das mangelnde Licht dann auf, wenn sich Haratischwilis Sätze in all ihrer monumentalen Narrativität zu dichter und eigentümlicher Poetizität aufschwingen und aus abundanten Vergleichen und Bildern leben: Dinas Schwester Anano, die Kuratorin der Ausstellung, schwirrt umher „wie ein nicht mehr so junges Glühwürmchen“; Nene wirkt „wie ein flauschiges Kätzchen“; „wie ein Seismograph“ nimmt Dina Schwingungen wahr; Keto schreitet voran, „diszipliniert wie ein Soldat einer Eliteeinheit“; Nenes Hochzeitskleid ist „wie ein Gefängnis aus Tüll“. Haratischwili präferiert des Weiteren konditionale Vergleichssätze: Nene „verhielt sich, als stünde sie auf einer Opernbühne“; „Dina sagte nichts mehr, als wären ihr alle Worte auf der Zunge schlecht geworden“; Saba hing „wie eine Marionette auf seinem Stuhl […], als gäbe es nichts mehr, für das es sich lohnte zu kämpfen“.

Diese Vergleiche eskortiert eine allgegenwärtige Metaphorik, verwoben teilweise mit Personifikationen: die „überzuckerte, von Filmen infizierte, atemlose Liebe“, von der Nene träumt oder „ein ganzer Palast voller Versprechen“, den Ira vor sich hat. Dina ist „der emotionale Orkan“ und die Angst mutiert „zu einem kleinen zahmen Tier“. Eines der adäquatesten Bilder für den georgischen Staat der 1990er Jahre ist „Gogli-Mogli“. Als Kinder mochten Keto und Rati diese „sowjetische Süßspeise“ – „Eigelb mit Zucker und Kakao vermischt, so lange gerührt, bis die klebrige, zähe Masse zu einem braunen, schaumigen Mischmasch wird“.

Da Nino Haratischwili auch eine erfolgreiche Theaterregisseurin ist, vermag es nicht allzu sehr erstaunen, dass ihr neuer Roman bereits einen Tag nach seinem Erscheinen auf der Bühne zu sehen war. Die narrativen Ebenen, die dem Roman eignen, lassen sich möglicherweise auf dem Theater besonders gut aktivieren, aktualisieren und ausagieren. Damit muss zwangsläufig eine Reduktion der epischen Totalität einhergehen, woran nicht zuletzt deshalb ein kapitales Fragezeichen zu setzen ist, weil es sich bei Das mangelnde Licht nicht um einen Roman handelt, der sich primär aus seinen Dialogen speist. 

Wenn Haratischwili letztendlich eine prägnante Botschaft hinterlässt, so gibt sich diese offensiv mit der nicht ganz ausgeschärften, deshalb nicht breit getretenen Explikation der Lichtmetaphorik. „Das mangelnde Licht“ – diesen Titel trägt paradoxerweise eines von Dinas Fotos, auf dem Keto, Nene und Ira geradezu im Licht baden. Den drei jungen Frauen einer Lost Generation mangelt es dennoch an Helligkeit, denn das „Licht der Vernunft“ hat ausgedient.

Trotz dieses Status quo und bei allem Opaken, Desillusionierenden und Tragischen offenbart sich die Gewissheit, dass sich historische Widernisse zumindest vorübergehend vergessen lassen und dass die Kunst diesen immer meilenweit überlegen ist. In einer großartigen, in vielen Rezensionen erwähnten und auf dem Buchrücken-Cover abgebildeten Szene, tritt ein Mädchen auf, das deutsche Literatur studieren möchte – „traurige Galionsfigur meines Lebens“, wie Keto bekennt. Als revolutionsbedingt kaum mehr Brennmaterial zur Verfügung steht, sitzt dieses Mädchen im Schneeanzug auf einer Leiter unter der Zimmerdecke und liest. „Trotz ihres Alters war sie äußerst ernst, als wäre sie bereits mit einem bedrückenden Wissen auf die Welt gekommen, das wie eine Last auf ihrem Körper lag“. Das Mädchen sitzt auf ihrer Leiter, „als wäre sie ein goldener Thron in einem verzauberten Reich“. Trotz ihrer Jugend besitzt sie Weisheit, wird zelebriert als „kleine Göttin“ und „kleine Maria“. Diese Etikettierungen symbolisieren das Ewige, Zeitenumspannende und Zeitenüberwindende der Kunst.

Wenn sie der Wucht der Ereignisse nicht mehr standhalten kann, wenn die Spannungen in ihrem Innern zu heftig werden, holt Keto eine Rasierklinge hervor und fügt sich selbst erhebliche Verletzungen zu. An diesen Stellen im Roman drängt sich der Eindruck auf, dass Haratischwili so etwas wie ein deutsch-georgisches Gegenstück zu Hanya Yanagiharas Bestseller Ein wenig Leben verfasst haben könnte. Anstatt vier befreundeten Männern treten in Das mangelnde Licht vier junge Frauen auf, von denen sich ebenfalls eine suizidiert, die andere Gefährdete sich aber von der Auto-Aggression verabschiedet und sich für die Restauration entscheidet.

Mit der Definition von Restauration als Ketos Beruf und Berufung, was sich auf der Meta-Ebene des Schreibens als künstlerische Geste des Erschaffens fortsetzt, als Balanceakt zwischen Vergangenem und Gegenwärtigen sowie Akt der Erkenntnis gleichermaßen, lässt sich Das mangelnde Licht ebenfalls in eine Reihe mit Katerina Poladjans Hier sind Löwen platzieren, ein Roman, in dem die akribische Wiederherstellung einer alten armenischen Bibel mit der Suche nach den familiären Wurzeln der Ich-Erzählerin konform geht. Im Übrigen wird in ihm, so wie in Das mangelnde Licht, eine Duduk gespielt. Lewan, Ketos erste Liebe, legt diese armenische Flöte an seine Lippen und spielt „eine sanfte, hypnotisierende Melodie“.

Sanft und hypnotisierend – manchmal kommt die homodiegetische Stimme derart leichtfüßig daher. Sowohl damit als auch im Zuge der Formung von Zeit und Raum sowie mit der eruptiven Macht der Bilder gelingt es Nino Haratischwili, einen narrativen Sog hervorzurufen, dem kaum experimentell-innovative aber ebenso wenig klischierte Züge eignen. Kurzum: sie hat einen Roman verfasst, der bei aller Tragik erfüllend ist – literarisch hochwertiges Soulfood, das lange widerhallt und zum Nachdenken inspiriert.