Im Sudan werden die Lebensmittel knapp (nd aktuell)

Sudanesen aus der östlichen Beja-Region blockieren die Hauptstraße von Port Sudan, 120 km westlich des Hafens, um gegen Teile des Friedensabkommens von Juba zu protestieren.

Foto: AFP/ASHRAF SHAZLY

Sie fordern mehr Mitspracherecht und eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation: Seit Wochen blockieren Mitglieder der Beja, eine der größten Ethnien im Osten Sudans, die Zufahrt zum größten Hafen des Landes. Mit Steinen und Barrikaden versperren sie die Zufahrtsstraßen zur Stadt Port Sudan an der Küste des Roten Meers. Die sudanesische Regierung warnte nun, dass dem Land wegen der Schließung bald Medikamente, Treibstoff und Weizen ausgehen könnten. In einer am Sonntag veröffentlichten Mitteilung erkannte das sudanesische Kabinett die »legitimen Bestrebungen« der Beja an und betonte das Recht auf friedlichen Protest. Gleichzeitig warnte sie jedoch davor, dass die Blockade des Hafens und der Autobahnen, die die Region mit dem Rest des Landes verbinden, »den Interessen aller Sudanesen schadet«.

Die Proteste waren am 19. August ausgebrochen, dem ersten Jahrestag der Unterzeichnung des Juba-Abkommens zwischen der Regierung und den fünf größten Rebellengruppen. Mit dem Abkommen sollten langjährige Konflikte zwischen Zentralregierung und Rebellen in mehreren Provinzen, unter anderem in Darfur und der Region Blauer Nil, beendet werden. Die Beja behaupten, dass sie zu Unrecht von dem Abkommen ausgeschlossen wurden und blockierten zwei Pipelines, darunter die einzige, die Treibstoff in die Hauptstadt Khartum liefert. Am 26. September stimmten die Demonstranten dann zu, die Pipelines wieder freizugeben. Im Gegenzug versprach die Regierung, an einer politischen Lösung der Probleme in Ostsudan zu arbeiten und forderte die Demonstranten zu einem Dialog mit der Regierung auf.

Menschen kämpfen ums Überleben

Doch von einem solchen Dialog scheint man Wochen später noch immer weit entfernt. Diese Pattsituation ist symptomatisch für das Land, das auch anderthalb Jahre nach der Absetzung des langjährigen islamistischen Präsidenten Omar Al-Bashir im April 2019 nicht zur Ruhe kommt. Das Land wird seitdem von einem Übergangsrat und einem Kabinett regiert. Während mit Abdalla Hamdok ein Zivilist als Ministerpräsident an der Spitze des Kabinetts sitzt, wird der Übergangsrat von zwei Militärs angeführt, die nicht nur beide Mitglieder des alten Regimes von Al-Bashir sind, sondern auch untereinander um die Vormacht im Land konkurrieren: General Abdel Fattah Al-Burhan, oberster Kommandant der regulären Streitkräfte, und Mohamed Hamdan Dagalo, Kommandant der Dschandschaweed, übersetzt »berittene Teufel«, eine Art paramilitärische Spezialeinheit. Während Al-Burhan die Nähe zu Ägypten und Russland sucht, kooperiert Dagalo verstärkt mit Russland. Söldner der berüchtigten russischen Wagner-Gruppe bewachen Goldminen, die sich im Besitz der Miliz befinden und aus denen sie sich finanzieren.

Während Überreste des Regimes sich selbst bereichern, kämpft ein Großteil der Bevölkerung ums Überleben in einem der ärmsten Länder der Erde. Jahrzehntelang haben US-Sanktionen dafür gesorgt, dass Sudan wirtschaftlich isoliert wurde. Im Dezember 2020 jedoch wurde das Land von der US-Liste der Terrorunterstützer gestrichen, doch die Integration in den Weltmarkt verläuft schleppend. Zwar erhält man seit März Unterstützung durch die Weltbank, auch kann man seit Jahrzehnten zum ersten Mal mit Kreditkarte im Sudan bezahlen oder Geld abheben, doch das sudanesische Pfund befindet sich im freien Fall. Laut Regierungsangaben betrug die Inflationsrate im September 388 Prozent. Neben Versorgungsschwierigkeiten sind die meisten Güter für den durchschnittlichen Sudanesen ohnehin kaum bezahlbar.

Die prekäre wirtschaftliche Situation führt zu Unruhe, nicht nur bei den Beja im Osten des Landes. Mitte September kam es zu einem Putschversuch, in dessen Folge 22 Offiziere verhaftet wurden. Viele haben Angst, dass die führenden Militärs wie Al-Burhan oder Dagalo die Situation nutzen werden, um die Macht endgültig an sich zu reißen und im Namen der Sicherheit und Stabilität das Land in eine Militärdiktatur umzuwandeln. Bereits nach dem Putschversuch suchte Dagalo die Schuld bei der Politik, indem er öffentlich verkündete: »Politiker sind die Hauptursache für den Putschversuch, weil sie den Durchschnittsbürger vernachlässigt haben und mehr besorgt darüber sind, wie sie selbst an der Macht bleiben können.« Die Errungenschaften der Revolution bleiben bedroht, doch gibt es positive Entwicklungen – dank des Mutes der Bevölkerung. Dass Menschen einen Handelshafen blockieren, aus Protest für mehr Mitspracherecht, wäre vor ein paar Jahren undenkbar gewesen.