«Ich meinti»: Wieder gesund beim «Tunggi-Äi»


Kolumne

«Ich meinti»: Wieder gesund beim «Tunggi-Äi»

Nach der Corona-Impfung denkt «Ich meinti»-Kolumnistin Ruth Koch zurück an Kinderkrankheiten. In Erinnerung bleibt aber vor allem gespendeter Trost.

Ruth Koch aus Kerns.

Bild: PD

Es kam, wie es zu erwarten war: Nach meiner zweiten Corona-Impfung fühlte sich mein Kopf zunehmend dumpfer an. Das Frösteln wechselte sich mit Schweissausbrüchen ab. Am Tag zwei nach der Impfung gab ich auf. Ich legte mich hin und zog die Bettdecke über den Kopf. Von nun an schlief ich oder hing meinen Gedanken nach.

Erinnern Sie sich an die Krankheiten in Ihrer Kindheit? Bei mir sind es vorwiegend gute Erinnerungen: Die Mutter legte mir jeweils die Hand auf die Stirn und fragte: «Wie geht es dir?» Sobald die Temperatur gegen die 38 Grad anstieg, wurde mir im Stübli direkt neben der Küche ein Bett eingerichtet. Dort blieb ich die folgenden Tage in der Nähe der Familie. Die Geschwister brachten die Hausaufgaben nach Hause, worauf ich mich jeweils freute. Ein Krug mit süssem Tee stand immer bereit. Wenn es der Appetit zuliess, servierte die Mutter ein «Tunggi-Äi mit Tunggili» (Übersetzung aus dem Nidwaldnerischen: Weich gekochtes Ei mit Brotstreifen), selbstverständlich mit schön viel Aromat. Manchmal gab es für die ganze Familie Orangen als Vitamin-Shot. Der absolute Höhepunkt meiner (Kinder-)Krankheiten waren die Masern mit über 40 Grad Fieber. Der Höhepunkt galt eigentlich nicht der Fieberhitze, sondern dem Memory, das ich als Trösterli geschenkt bekam.

Die Umfrage unter meinen Kindern bestätigt meine eigene Wahrnehmung. Auch sie fanden die durchgemachten Krankheiten nicht besonders schlimm. Nur die Ohrenschmerzen, der Husten als auch der Brechreiz hinterliessen bis heute einen fahlen Nachgeschmack. Die positiven Bilder überwiegen trotz allem. Wenn nun die Grosskinder mit erhöhter Temperatur, Husten sowie Rotznasen kämpfen, kann man nur hoffen, dass auch ihnen vor allem der gespendete Trost im Gedächtnis bleibt.

Als Erwachsene vergisst man nicht so schnell. Die Berichte über Long-Covid erinnerten mich schmerzhaft an meine Gelbsucht, eine Hepatitis A. Es war Anfang der Neunzigerjahre in einem Homeland in Südafrika, wo wir mit der Familie zwei Jahre verbrachten. Einen aktiven Impfschutz gegen diese lästige Infektion gab es damals noch nicht. So erwischte es mich, vermutlich durch das Trinkwasser oder über Lebensmittel. Die Symptome hatten es in sich: Übelkeit und Appetitverlust verbunden mit einem erheblichen Gewichtsverlust. Obendrein eine unbeschreibliche Erschöpfung. Das alles über Wochen. Eine Therapie gab es nicht. Es galt abzuwarten, zu ruhen und die nächsten Monate eine fettarme sowie alkoholfreie Diät einzuhalten.

Wenn’s ums Impfen geht, stehe ich jeweils nicht in der vordersten Reihe. Doch Long-Covid oder einen schweren Verlauf wollte ich nicht riskieren. Ich zog die Impfung vor. Also lag ich als Folge der Impfung einen Tag lang mit Fieber sowie mit Kopfschmerzen im Bett. Am Abend kam mein Mann nach Hause und legt mir tröstend die Hand auf die Stirn. Er fragte: «Wie geht es dir?» Wir waren zuversichtlich, dass der Spuk am nächsten Tag bereits vorbei sein würde. Und richtig: Am Morgen fühlte ich mich gesund, die Gedanken schon beim «Tunggi-Äi».