Haferkur bei Diabetes: So kann sie helfen

Hafertage waren früher eine Notlösung. Sie stammen aus einer Zeit, in der sich Diabetes nicht mit Medikamenten behandeln ließ. 1902 empfahl der in Bonn geborene Mediziner Carl von Noorden Haferkuren, um zu hohe Blutzuckerwerte zu senken. Nach der bahnbrechenden Entdeckung der Insulin-Behandlung, 1921, wurde das Behelfsmittel Hafer überflüssig und geriet in Vergessenheit. Inzwischen ist die Getreidesorte zurück in der Ernährungs-Therapie von Diabetes-Typ-2.

Hafer als Teil der Ernährungs-Therapie

Eine gesunde Ernährung, die Gewichtskontrolle und mehr Bewegung spielen bei der Behandlung von Typ-2-Diabetes eine sehr wichtige Rolle. Eine Haferkur kann ein Baustein sein, um über die Ernährung bessere Blutzuckerwerte zu erreichen.

„Typ-2-Diabetes ist eine Erkrankung, die viel damit zu tun hat, wie man sich ernährt und ob man sich ausreichend bewegt“, erklärt Dr. Matthias Riedl, Diabetologe, Ernährungsmediziner und Internist aus Hamburg. „Der Lebensstil kann wesentlich dazu beitragen, seinen Zuckerstoffwechsel in den Griff zu bekommen.“ Bei manchen Patienten lässt er sich – zumindest über viele Jahre hinweg – sogar wieder normalisieren.

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Ärzte nennen das eine Remission. Die Menschen kommen dann ohne Diabetes-Medikamente aus. Normalisiert sich der Stoffwechsel, sinkt auch das Risiko für Folgeerkrankungen wie etwa Herzinfarkt oder Schlaganfall. Voraussetzung ist, dass Betroffene beim Thema Diabetes nicht nur ihre Zuckerwerte im Blick haben. Weitere Gesundheitsmerkmale wie vor allem Übergewicht aber auch Blutfette, Blutdruck oder Fett in der Leber wirken sich ebenfalls deutlich auf den Diabetes aus. Wer sie konsequent verbessert, hat Chancen, den Typ-2-Diabetes wieder loszuwerden. Eine Haferkur ist eine Methode, die bei der Ernährungsumstellung unter ärztlicher Begleitung einen Versuch wert sein kann.

Warum Hafer bei Typ-2-Diabetes?

Eines der Hauptprobleme bei Typ-2-Diabetes ist die Insulinresistenz. Sie hat zur Folge, dass mehr Insulin benötigt wird, um Zucker aus dem Blut in die Zellen zu befördern. Das hat einen ungünstigen Nebeneffekt: Insulin wirkt ähnlich dem in der Mast verwendeten Wachstumshormon. Bei hohen Insulinspiegeln ist es darum schwerer, abzunehmen. Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes haben Übergewicht, was die Situation verschlechtert. „Ziel von Hafertagen ist es, die Insulinresistenz zu senken“, erklärt Dr. Winfried Keuthage, Ernährungsmediziner, Buchautor und Diabetologe in Münster.

Das Insulin, das der Körper bei Diabetes-Typ-2 selbst noch produziert, sowie gespritztes Insulin können dann wieder besser wirken. „Studien zeigen, dass manche Menschen mit Typ-2-Diabetes durch regelmäßige Hafertage ihre Insulinzufuhr um mehr als 40 Prozent reduzieren konnten“, berichtet Keuthage. Bei regelmäßigen Hafertagen lässt sich teilweise auch eine Verbesserung des Langzeitzucker-Werts HbA1c beobachten.

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Studien deuten auch darauf hin, dass Hafer die Leberfunktion bei einer Fettleber günstig beeinflusst, die bei Typ-2-Diabetes ebenfalls oft vorkommt. „Zusammen mit den anderen Wirkungen des Hafers kann die Verbesserung der Leberfunktion das Abnehmen weiter erleichtern“, berichtet Riedl. Wie viele andere Diabetologen setzt auch der ärztliche Direktor des Medicum Hamburg seit Jahren oft auf die Haferkur für Patienten mit Typ-2-Diabetes.

Insgesamt können Hafertage an vielen Stellschrauben des Diabetes etwas bewirken: den Insulinbedarf senken, das Gewicht unter Kontrolle bekommen, Blutdruck und Cholesterin senken sowie eine Fettleber bessern. Daher können Haferkuren als Baustein einer Typ-2-Diabetes-Therapie interessant sein.

Wie wirkt Hafer?

Im Hafer steckt der Ballaststoff Beta-Glucan. Er macht Hafer besonders, denn in keinem anderen Korn steckt ähnlich viel davon. „Gerste hat zwar auch Beta-Glucan“, berichtet Riedl, „aber deutlich weniger.“ Es ist schon lange erwiesen, dass pflanzliche Ballaststoffe günstig für den Stoffwechsel sind und unter anderem helfen können, Diabetes vorzubeugen.

Hinzu kommt, dass Hafer sättigt, nicht nur wegen der vielen Ballaststoffe, sondern auch, weil Hafer im Vergleich zu anderen Getreidesorten relativ viel Eiweiß enthält. Wer sich satt fühlt, isst automatisch weniger und greift nicht zwischendurch zu Snacks. Solche Effekte lassen sich auch generell mit einer ballaststoff- und gemüsereichen Ernährung erzielen.

Muss es wirklich Hafer sein?

„Ähnliche positive Effekte wie mit regelmäßigen Hafertagen lassen sich bei Typ-2-Diabetes beispielsweise mit speziellen Formula-Diäten erzielen“, erklärt Diabetes-Experte Riedl. Ob Hafer oder nicht ist daher auch eine individuelle Typ-Sache. „Die meisten Menschen kennen Haferflocken aus der Kindheit“, sagt Diabetes-Experte Keuthage. „Angesichts der Vorteile des Hafers sind viele meiner Patientinnen und Patienten gern bereit, es mit mehr Hafer oder sogar mit Hafertagen zu versuchen.“

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Für wen eignet sich die Haferkur?

Einen Versuch wert ist die Haferkur besonders bei Menschen mit Typ-2-Diabetes, deren Insulinresistenz schon ausgeprägt ist. Das erkennt man beispielsweise daran, dass sich trotz großer Mühen die Zuckerwerte kaum bessern und Abnehmen kaum möglich erscheint. „Statt die Insulinmengen stetig zu erhöhen, bieten Hafertage eine Alternative, die sogar zur Gewichtsabnahme beitragen kann“, sagt Keuthage. Riedl ergänzt: „Wenn die Patienten sehen, wie gut diese Hafertage tatsächlich wirken, steigert das bei vielen die Motivation, sich grundsätzlich besser zu ernähren.“

Hafer eignet sich auch für Menschen mit Glutenunverträglichkeit. Er ist von Natur aus glutenfrei. Für Menschen mit einer echten Zöliakie gibt es auch speziell geprüfte glutenfreie Haferflocken, weil sich manchmal durch den industriellen Herstellungsprozess doch Spuren von Gluten finden.

Experten wie Riedl und Keuthage empfehlen Hafer außerdem als regelmäßigen Nahrungsbestandteil im Zuge einer gesundheitsbewussten Ernährung – als ein Puzzlestück, um Störungen wie Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte oder Diabetes mitzubehandeln oder zu vermeiden.

Wie läuft eine Haferkur ab?

Eine typische Haferkur bei Typ-2-Diabetes dauert 3 Tage und liefert täglich etwa 800 bis 1000 Kalorien an Energie. „Wer es durchhält, kann einen vierten Tag dranhängen und profitiert entsprechend mehr“, sagt Riedl. Während der Kur gibt es täglich 3 Mahlzeiten: morgens, mittags und abends Haferbrei, aus je 75 Gramm Haferflocken, die 300 bis 500 Millilitern Wasser oder fettfreier Brühe gekocht werden.

Alternativ kann man auch kalten Haferbrei essen. Dafür die Flocken in kaltem Wasser quellen lassen. Für geschmackliche Abwechslung sorgen Gewürze und sehr begrenzte Mengen an Gemüse oder Obst. Vorgesehen sind oft beispielsweise maximal 50 Gramm Gemüse mit niedrigem glykämischen Index wie Zwiebeln, Spinat, Kohl oder Zucchini, beziehungsweise 50 Gramm zuckerarmes Obst wie Beeren oder 20 Gramm Nüsse je Mahlzeit.

Die günstige Wirkung des Hafers auf verschiedene Stoffwechselwerte lässt nach einigen Tagen wieder nach. Trotzdem sind nach vier Wochen noch Veränderungen messbar. Darum empfehlen viele Diabetologen, die Kur alle vier bis sechs Wochen zu wiederholen.

Haferkonsum langsam steigern

Oder man legt nach einer initialen Kur wöchentlich einen einzelnen Hafertag ein. Lösungen, um Hafer bewusst in den Speisenplan zu integrieren, finden sich auch für Menschen, die mit dem beschriebenen Ablauf nicht sofort zurechtkommen, etwa weil sich bei viel Hafer der Magen meldet. Der Diabetologe Keuthage empfiehlt dann zum Beispiel „Brückentage“ in denen man mehr haferhaltige Gerichte isst und auf zu viel Fett und Zucker verzichtet, aber noch keinen ganzen Hafertag macht. Man flicht dabei etwa einen Hafer-Meerrettich-Aufstrich ein oder selbstgebackenes Hafer-Möhren-Quark-Brot.

„Die Haferkur ist ein guter Einstieg in eine grundsätzlich neue Ernährungsweise für alle Tage“, findet Diabetologe Riedl. „Sie gibt Faktoren vor, die für einen gesunden Stoffwechsel wertvoll sind: eine feste Struktur aus 3 Mahlzeiten, viele Ballaststoffe und viele pflanzliche Stoffe.“

Darf ich einfach mit Hafer loslegen?

Wenn Sie Medikamente gegen Typ-2-Diabetes einnehmen oder/und Insulin spritzen, muss eine Haferkur unbedingt ärztlich überwacht werden. „Schon ein Hafertag wirkt intensiv auf die Blutzuckerwerte, so dass in manchen Fällen die Insulinmengen reduziert werden sollten, um Unterzuckerungen zu vermeiden“, sagt Keuthage. Auch die Dosis einiger anderer Diabetes-Medikamente (darunter Sulfonylharnstoffe) muss eventuell angepasst werden.

Auch aus anderen Gründen – etwa weil man bei einer Haferkur recht wenige Kalorien zu sich nimmt – muss der Arzt die Dosierung von Medikamenten wie Metformin im Blick behalten. Wirkt die Kur wie erwünscht, ändert sich auch langfristig der Arzneibedarf. Diese Umstellung begleitet ebenfalls der behandelnde Diabetes-Arzt.

Wirkt die Haferkur bei jedem?

Nach Keuthages Erfahrungswerten sprechen die meisten der Menschen mit Typ-2-Diabetes auf Haferkuren an. Aber: „Nicht jeder mag die großen Mengen an Hafer und den doch immer ähnlichen Geschmack während einer Haferkur“, sagt Keuthage. Die moderne Haferkur ist oft so abgewandelt, dass man nicht mehr – wie vor über 100 Jahren zu von-Noordens-Zeiten – reinen Haferschleim essen muss.

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