Große Versorgungslücken für Neurologie-Patienten – Vienna Online – Gesundheit

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5.08.2022 05:00


(Akt. 5.08.2022 05:00)


32 sogenannte “Stroke Units” gibt es in Österreich. Dennoch gibt es erhebliche Versorgungsdefizite für Neurologie-Patienten.
©APA/HANS PUNZ

Mehr als eine Million Österreicher mit neurologischen Erkrankungen sind von erheblichen Versorgungsdefiziten betroffen.

Mit 38 sogenannten “Stroke Units” zur Akutbehandlung von Schlaganfallpatienten liegt Österreich im internationalen Spitzenfeld. Viele Neurologie-Patienten sind jedoch von Versorgungsdefiziten betroffen: Zu wenige Kassen-Neurologen und viel zu wenige Spitalskapazitäten, heißt es jetzt im aktuellen Österreichischen Neurologie-Report 2022.

Große Versorgungsdefizite bei neurologischen Erkrankungen

Der Bericht wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) veröffentlicht. Neurologische Erkrankungen gehören demnach zu den häufigsten schweren Leiden. Rund eine Million Österreicher sind allein von wiederkehrenden Migräneattacken betroffen. Pro Jahr erleiden rund 26.000 Menschen einen potenziell lebensgefährlichen bzw. sehr oft mit Langzeitschäden verbundenen Schlaganfall. Alzheimer/Demenz (150.000 Betroffene), Morbus Parkinson (rund 20.000 Patienten), Epilepsie (rund 80.000 Betroffene) und die Multiple Sklerose (rund 14.000 Patienten) sind weitere häufige neurologische Probleme.

Neurologische Erkrankungen Haupttreiber für Behinderungen

“Betrachtet man
Erkrankungen nach der nachfolgenden Behinderung, dann stehen
neurologische Erkrankungen an erster Stelle. Sie sind der Haupttreiber
für krankheitsbedingte Behinderung!”, heißt es in dem Report mit einem
Vorwort des ÖGN-Präsidenten Thomas Berger (MedUni Wien/AKH)
und dessen gewählten Nachfolger Christian Enzinger (MedUni Graz). In
der EU-28 wurde 2017 berechnet, dass rund 60 Prozent der Bevölkerung
neurologische Erkrankungen bzw. Symptome aufweisen. In jenem Jahr wurden
in der EU (noch inklusive Großbritannien) 74,5 Millionen Erstdiagnosen
auf neurologische Störungen gestellt. Die Krankheiten waren für 1,12
Millionen Todesfälle verantwortlich.

Erkrankungen des Gehirns kosteten in Österreich 2010 rund 16 Mrd. Euro

“Allein in Österreich
schlagen die Erkrankungen des Gehirns (…) mit 16 Milliarden Euro im
Jahr 2010 zu Buche; die Per-Capita-Kosten in Österreich lagen damit bei
1.910 Euro”, stellt der Report fest. Für die gesamte EU-27 plus Schweiz,
Island und Norwegen wurden in der gleichen Untersuchung jährliche
Kosten von rund 800 Milliarden Euro errechnet. Die Kosten infolge von
Herz-Kreislauf-Erkrankungen dürften hingegen nur rund ein Drittel davon
betragen. Das Problem: Die meisten der oft chronischen neurologischen
Erkrankungen werden mit steigender Lebenserwartung immer häufiger.

Neurologische Erkrankungen größte gesundheitliche Herausforderung

“Erkrankungen
des Gehirns müssen daher als eine der größten gesundheitlichen
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gelten. Insbesondere in den
Industrienationen habe sie alle anderen gesundheitlichen Probleme
bereits überrundet”, stellen die Autoren des Neurologie-Reports 2022
fest.

Erhebliche Mängel im Gesundheitssystem in Österreich

Diesen Problemen stehen in Österreich offenbar erhebliche
Mängel im Gesundheitssystem gegenüber. Von den Ende 2020 registrierten
1.304 Neurologen in Österreich waren 976 angestellt, 587 hatten
(teilweise neben der Anstellung) eine Ordination, 38 waren reine
Wohnsitzärzte. Es mangelt aber an Kassenstellen. Der Report: “Zu
beachten ist die relativ geringe Zahl an Kassenärzten. Von allen in
Summe 578 Neurologen mit Ordination sind (…) 337 ausschließlich als
niedergelassene Ärzte tätig. Unter diesen waren im Jahr 2020 nur 131
Vertragsärzte für alle Kassen (ÖGK, BVAEB, SVS). Das bedeutet, dass 70
Prozent aller niedergelassenen Neurologen als Privat- oder Wahlärzte
praktizieren.”

Niederösterreich ist zweitschlechtestes Bundesland

So kommen auf einen Neurologen mit allen
Kassenverträgen in Kärnten (2020) 112.258 Einwohner, in Niederösterreich
sind es im zweitschlechtesten Bundesland in dieser Hinsicht 80.204
Einwohner pro Kassen-Neurologen. Die Steiermark (77.900 von einem
Kassen-Neurologen zu versorgende Menschen), das Burgenland (73.609
Einwohner pro niedergelassenem Neurologen mit allen Kassenverträgen),
Oberösterreich (70.966) und Salzburg (69.801) folgen. In Wien kommen auf einen Neurologen mit allen Kassen 57.914 Einwohner, in Tirol 50.509 Menschen und in Vorarlberg 49.642.

Niedrige Dichte an Kassenärzten

“Es
ist daher bei einer derart niedrigen Dichte an Kassenärzten davon
auszugehen, dass die Wahlärzte genauso wie die Spitalsambulanzen
versorgungsrelevant sind”, heißt es in dem Report. Für die Betroffenen
heißt das, für den Arztbesuch vorweg zu bezahlen bzw. das Aufsuchen von
Spitalsambulanzen.

Kapazitäten von neurologischen Abteilungen in Spitälern

Das zweite Defizit betrifft die Kapazitäten von
neurologischen Abteilungen in den Spitälern. Ein Großteil der Patienten
mit neurologischen Erkrankungen kommt offenbar nie auf eine solche
Fachabteilung. “Noch immer gibt es in Österreich zu wenig Kapazitäten im
stationären Bereich, um alle Patienten mit neurologischen Erkrankungen
auch tatsächlich auf neurologischen Abteilungen behandeln zu können”,
stellen die Autoren des Reports fest.

Die Daten dazu: Im Zeitraum
2016 bis 2021 erfolgten in Österreich nur 43,3 Prozent der Entlassungen
von Patienten mit neurologischen Diagnosen aus einem Krankenhaus von
einer neurologischen Abteilung. 17,5 Prozent der Patienten wurden aus
Abteilungen für Innere Medizin, 39,27 Prozent aus anderen Abteilungen
entlassen.

133.000 Entlassungen mit einer neurologischen Hauptdiagnose

Der Bericht führt dazu an: “So wurden von einer
Gesamtzahl von jährlich durchschnittlich 133.000 Entlassungen nach
stationären Aufenthalten mit einer neurologischen Hauptdiagnose im
Durchschnitt 55.000 bis 60.000 Personen auf neurologischen Abteilungen
versorgt. Der Rest – mehr als die Hälfte der Patienten mit einer
neurologischen Hauptdiagnose – mussten auf nicht neurologischen
Abteilungen betreut werden (…). Daraus lässt sich ableiten, dass ein
wesentlich höherer Bedarf an neurologischen Versorgungsstrukturen
besteht als derzeit verfügbar ist.”