Gesundheit, Rendite und Angst – Südwest

Das Bild der traditionsreichen Helios-Rosmann-Klinik in Breisach hat Risse bekommen / Die Klinikleitung sieht sich einer misstrauischen Belegschaft gegenüber.

Breisach hat ein besonderes Verhältnis zu seiner Klinik. Vielleicht liegt das in der Entstehung des Krankenhauses begründet. Der vermögende Breisacher Priester und Wohltäter Pantaleon Rosmann hatte das Hospital in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – in Zeiten bitterer Not – aus eigenen Mitteln errichten lassen und in seinem Testament verfügt, dass es zu nichts anderem verwendet werden dürfe als zur Unterbringung und Verpflegung der Kranken. Seinen Namen trägt die Klinik noch heute, auch nach der Privatisierung im Jahr 1998: Helios Rosmann Klinik.

Doch das Bild des traditionsreichen Krankenhauses hat Risse bekommen. Im vergangenen Oktober hat sich sogar eine Bürgerinitiative aus Furcht vor einer “Gesamtschließung” gegründet. Die BI zählt mittlerweile 120 Mitglieder – darunter Klinikbeschäftigte.

Schließung? “Es ist ganz klar: Das Haus wird nicht geschlossen”, sagt Ottmar Schmidt in ruhigem Ton. Schmidt ist seit Mai der neue Geschäftsführer der drei Helios-Kliniken in Südbaden. Breisachs Bürgermeister Oliver Rein kann in Rage kommen, wenn öffentlich über das Ende der Klinik spekuliert wird. “Das ist Quatsch”, sagt er. Dadurch werde die Belegschaft verunsichert und der Standort schlecht geredet, empört er sich. “Ein Krankenhaus kann man nicht so einfach schließen. Das müsste der Kreistag mit genehmigen.” Seit der Privatisierung hält der Landkreis 26 Prozent an den Helioskliniken in Breisach, Müllheim und Titisee-Neustadt. Kreisräte sind bei jeder Aufsichtsratsitzung dabei.

Trotzdem spüren die Beschäftigten Gegenwind. Es ist von Schikanen die Rede und einem eisigen Arbeitsklima. Etliche fürchten um ihren Arbeitsplatz. Sogar der Verband leitender Krankenhausärzte kritisierte den “übermäßigen Abbau ärztlicher Stellen” der Helios-Kliniken-Gruppe in Deutschland als “unverantwortlich” und sprach von einem “mittlerweile maßlosen Gewinnstreben um jeden Preis”. Dazu passt die Meldung des Gesundheitskonzerns Fresenius, dieses Jahr fast eine halbe Milliarde Euro Dividende an die Aktionäre auszuschütten – so viel wie nie zuvor. Fresenius bestimmt seit der Übernahme 2005 die Geschicke von Helios.

Ein Insider bei Helios sagt, dass der Konzern mit einem Rückgang der Fallzahlen von 10 bis 15 Prozent rechne, weshalb man bundesweit denselben Prozentsatz an Arztstellen einsparen wolle. Helios sei sehr gut darin, schnell auf politische Vorgaben zu reagieren. Zuerst habe der Konzern – wie die meisten Krankenhäuser – am Pflegepersonal gespart. Diese Praxis sei erst mit dem 2019 in Kraft getretenen Pflegepersonal-Stärkungsgesetz beendet worden. Seitdem können Krankenhäuser ihre Pflegeausgaben in Rechnung stellen. Gespart werden kann aber bei den Arztstellen – weil die weiterhin durch Fallpauschalen finanziert sind: Für jede Operation ist festgelegt, wie viel Geld die Krankenkasse erstattet. Ist das Krankenhaus sparsam, steigt der Gewinn.

Helios hat sich nach der Kritik zur Wehr gesetzt und in einem “Faktencheck” klargestellt: Trotz der Rückgänge der Fallzahlen habe man 2020 die Zahl der Ärzte stabil gehalten. Da die Schätzungen für 2021 wegen des Trends zur ambulanten Behandlung von einem weiteren Minus von zehn Prozent ausgingen, habe man beschlossen, rund 270 Arztstellen in den 89 Kliniken nicht neu zu besetzen – das seien drei pro Standort.

Unter Beschäftigten in Breisach gibt es nach Informationen der BZ eine andere Wahrnehmung. Mehr als 40 Mitarbeiter hätten in den vergangenen drei Jahren die Klinik verlassen – vom Oberarzt über Verwaltungsangestellte bis zur Pflegekraft und zwar “wegen den von Helios zu verantwortenden Zuständen”. Es gibt Schilderungen über verunsicherte Mitarbeiter, deren Verträge erst im letzten Moment verlängert wurden, nicht verlängerte Verträge, zu knapp besetzte Abteilungen, Druck in Personalgesprächen, verwehrte Fortbildungen, mehr Wochenend- und Nachtdienste als erlaubt. Öffentlich äußern will sich niemand. Zu groß ist die Angst um den Arbeitsplatz.

Geschäftsführer Schmidt sitzt im Konferenzraum der Breisacher Klinik und geht die Vorwürfe Punkt für Punkt durch. Es sei ihm nicht entgangen, was geredet werde, sagt er. In der Betriebsversammlung im August werde er klarstellen, dass in Breisach kein Arbeitsplatzabbau vorgesehen sei. Im Gegenteil – derzeit suche man einen Oberarzt, einen Assistenzarzt und einen Krankenhaushygieniker. “Ich stehe für Transparenz nach innen und außen”, sagt Schmidt und fügt hinzu: “Wir haben in Breisach sehr gutes Personal.” Auch Pflegeleiterin Jana Hegel widerspricht. Bei 300 Beschäftigten sei ein Wechsel von 20 im Jahr normal. Die beiden Sichtweisen könnten gegensätzlicher nicht sein.

Für die Öffentlichkeit wahrnehmbar haben die Unruhen Ende 2018 begonnen. Da war bekannt geworden, dass die Breisacher Klinik in die roten Zahlen gerutscht ist. In der Folge sollten, so hieß es zuerst, mehrere Abteilungen nach Müllheim verlagert werden: Endoprothetik, Wirbelsäulenchirurgie, Unfallchirurgie, Bauchchirurgie und die stationäre Innere Abteilung – “also alles was Geld bringt”, kommentierte ein Insider und fragte, wie man die Klinik so noch gewinnbringend betreiben wolle. Damit war die Angst vor einer Schließung in der Welt.

Dann hieß es, die Unfallambulanz solle geschlossen werden. Betriebswirtschaftlich schien der Schritt logisch. Es ist allgemein bekannt, dass die staatlich geregelten Vergütungssätze für die Notfallversorgung so gering sind, dass sich Patienten nicht kostendeckend behandeln lassen. Hinter den Kulissen wurde offenbar hart verhandelt – und dabei hatte der Kreistag ein gewichtiges Wort mitzureden. In einer umstrittenen Entscheidung verständigte man sich schließlich Ende 2018 auf eine Neuausrichtung der Klinik ohne Bauchchirurgie, die nach Müllheim umzog – aber mit einer fortbestehenden internistischen Vollabteilung und einer “effizienten Notfallversorgung”. Das war dem Kreistag wichtig.

Ganze vier Wochen später gab die damalige Helios-Südbaden-Geschäftsführerin Beatrice Palausch dann aber bekannt, die Notfallambulanz wegen Personalmangels nachts zu schließen – und zwar nicht nur vorübergehend. Womit sie einen Proteststurm lostrat. Denn mit dem Kreistag hatte sich Helios darauf verständigt, dass ein ärztlicher Bereitschaftsdienst in den Räumen des Krankenhauses die Notfallversorgung nachts und am Wochenende übernehmen sollte. Das aber lehnte die Kassenärztliche Vereinigung ab.

Die Klinikleitung trete das Zukunftskonzept mit den Füßen, echauffierte sich die SPD im Kreistag und forderte die Landrätin zur Intervention auf. Schließlich wurde die Frage aufgeworfen, ob der Personalmangel in der Notfallambulanz nicht selbst verschuldet gewesen sei: Die Klinik habe nichts unternommen, um die Mitarbeiterinnen von einer Kündigung abzubringen und damit eine nächtliche Schließung der Notfallambulanz erzwungen.

Palausch lenkte ein. Drei Monate später beklagte sie den ruinösen Wettbewerb der Kliniken um die wenigen Pflegekräfte. Helios selbst zahlte 3000 Euro für Pflegekräfte, die mindestens ein Jahr bleiben und startete eine Kampagne zur Gewinnung von Pflegekräften. Sobald es der Arbeitsmarkt zulasse, werde die Notfallambulanz wieder durchgehend öffnen, versprach Palausch nun. Wie viele Pflegekräfte die Kampagne brachte, konnte die Geschäftsführerin ein Dreivierteljahr später nicht beantworten. Kritiker wurden konkreter: Keine einzige, das seien nur Sprechblasen gewesen.

Inzwischen ist die Notfallambulanz wieder uneingeschränkt offen, während Palausch an eine Klinik nach Bad Hersfeld wechselte, wo sie erneut mit Sanierungsaufgaben beschäftigt ist. Auch Bürgermeister Rein hat die Personalpolitik bei Fresenius und Helios kritisch verfolgt. “Ich hätte nicht so entschieden”, betont er. Jetzt funktioniere es in der Klinik aber wieder “volle Pulle”, freut er sich.

Das Misstrauen in der Belegschaft aber ist geblieben. “Wir wissen nicht, wie es weiter geht.” Diesen Satz hört man oft. Die Zweifel dürften sich nicht so einfach ausräumen lassen. Gegenüber der Zeit sagte Fresenius-Chef Stephan Sturm erst im Mai, dass man sich “jede Abteilung in jeder Klinik” genau angeschaut habe. Es sei notwendig, die Profitabilität zu sichern. Breisach schrieb 2017, 2018 und 2019 rote Zahlen. Das Ergebnis von 2020 ist noch nicht veröffentlicht.

Die Personalpolitik sei nicht ganz optimal gewesen, sagt auch Jakob Loewe, Hausarzt in Breisach und bis vor kurzem Sprecher der CDU im Stadtrat. Für ihn ist der Fall aber bereinigt und die Klinik sowieso unersetzlich. Mit dem künftigen Freiburger Stadtteil Dietenbach und dem ebenfalls wachsenden Breisach sieht Loewe, der mit der Helios-Klinik seit vielen Jahren zusammen arbeitet, eine wachsende Bedeutung. Die könnte sogar noch größer werden, würde man Teile des Elsass als Einzugsgebiet gewinnen – als deutsch-französisches Modellkrankenhaus, wie es der Aachener Vertrag von 2019 vorsieht. Auf diese Perspektive hoffen alle Beteiligten. Auch wenn die BI dies am liebsten mit dem Landkreis als alleinigem Träger umsetzen würde.