Franziska Stetter (32) will „foodsharing“ in der Region vorantreiben

  1. Startseite
  2. Lokales
  3. Bad Tölz
  4. DasGelbeBlatt

Erstellt: 24.07.2022, 12:00 Uhr

Von: Max Müller

Teilen

Doppelte Entlastung für die Umwelt: Mit dem Lastenrad Lebensmittel vor der der Mülltonne retten. © Max Müller

Bichl – „Lebensmittel retten“ heißt die Mission: Die Bichlerin Franziska Stetter engagiert sich bei „foodsharing“ und hat der Wegwerfkultur den Kampf angesagt.

Fast 75.000 Tonnen an Lebensmittel hat der ehrenamtliche Verein „foodsharing“ laut eigenen Angaben seit 2012 vor dem Mülleimer gerettet. Das entspricht dem Gesamtgewicht von 150 ausgewachsenen Blauwalen. Privatpersonen und Betriebe arbeiten seit knapp zehn Jahren in vielen Teilen Deutschlands, Österreich und der Schweiz Hand in Hand um der Wegwerfkultur Einhalt zu gebieten. Laut einer Studie des Statistischen Bundesamts landeten jedoch allein im Jahr 2020 in Deutschland mehr als elf Millionen Tonnen an Lebensmitteln im Müll. 59 Prozent davon waren auf Privathaushalte zurückzuführen. Eine Studie des World Wide Fund For Nature (WWF) geht sogar von 18 Millionen Tonnen an genießbaren Lebensmitteln, die jährlich entsorgt werden.

Teilen statt wegwerfen

Unter dem Motto „teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen“ geht „foodsharing“ dagegen vor. Zuständig für die Bezirke Bad Tölz sowie Staffelsee/Kochelsee und Umgebung ist die „foodsharing“-Botschafterin Franziska Stetter. Das Netzwerk der ehrenamtlichen Lebensmittel-Retter ist im Oberland nur spärlich ausgebaut. Das soll sich jedoch mit dem Engagement der Bichlerin ändern. Die 32-Jährige sucht nach ehrenamtlichen „foodsavern“ und „foodsharern“. Erst wenn genug freiwillige Helfer Lebensmittel vor der Tonne bewahren, kann Stetter gezielt auf Unternehmen, Restaurants, Bäckereien und Supermärkte zugehen. Doch die Besitzer und Betreiber sind oft nicht so begeistert von der Idee Lebensmittel und Gerichte kostenlos weiterzugeben. „Das könnte ja von Privatpersonen ausgenutzt werden“, beschreibt die Bichlerin deren Ängste.

franziska stetter bichl gemüse paprika auberginen karottenStetter rettete früher häufig Gemüse, wie Paprika oder Auberginen, vor der Mülltonne. © Max Müller

Mageres Engagement

Die Zahlen könnten besser sein, das Engagement ebenfalls. 33 „foodsaver“ sind im Bereich Bad Tölz gelistet, aktiv sind nur sieben von ihnen. Im Bezirk Staffelsee/Kochelsee und Umgebung sind 74 „foodsaver“ angemeldet. „Wie viele in dem Bereich aktiv sind, weiß ich nicht“, berichtet Franziska Stetter beim Rundschau-Besuch auf ihrer Terrasse. Das Prinzip von „foodsharing“: Lebensmittel werden entweder in privaten Haushalten oder Betrieben vor der Mülltonne gerettet und an weitere Leute im eigenen Netzwerk weitergegeben.

Es braucht „foodsaver“

Um die nächsten Schritte mit dem „foodsharing“-Netzwerk in der Region zu machen, setzt die Bichlerin neben Werbung und Mund-Propaganda auch auf das Rekrutieren von „foodsharern“ und „foodsavern“. „Wir brauchen erst die ,foodsaver‘, dann können die Unternehmen angesprochen werden“, so die 32-Jährige. Der Unterschied zu den „foodsharern“ ist, dass die Lebensmittel-Retter für ein bestimmtes Restaurant, eine Bäckerei oder Unternehmen zuständig sind. Dort holen die „foodsaver“ übrig gebliebene Lebensmittel – am besten mit dem Fahrrad – ab, die noch genießbar sind und retten sie vor der Mülltonne. „Foodsharer“ arbeiten hingegen im privaten Bereich, der über sogenannte Essenskörbe organisiert wird.

  • „foodsharing“-Fakten:
  • Webseite online seit 12. Dezember 2012
  • Knapp 75.000 Tonnen an Lebensmitteln gerettet
  • Kooperation mit fast 12.000 Betrieben
  • Knapp 125.000 engagierte „foodsaver“
  • Circa 495.000 engagierte „foodsharer“
  • Durchschnittlich 5338 Rettungseinsätze pro Tag für Lebensmittel in Deutschland
  • Aktivste „foodsharing“-Bezirke: Köln (3,37 Millionen Kilogramm gerettet), Hamburg (2,56 Mio. Kilogramm) und München (2 Mio. Kilogramm)

Hohe Eintrittsbarriere

Wer „foodsaver“ werden will, der muss die ersten Schritte auf der Webseite machen. Dort wird man nach einer Anmeldung mit persönlichen Angaben zum eigenen Namen, E-Mail etc. sofort zum „foodsharer“. Absolviert man danach ein internes Quiz und macht einige Probefahrten, erhält man einen Retter-Ausweis und darf sich offiziell als „foodsaver“ gegen die Wegwerfkultur engagieren. Eine recht hohe Eintrittsbarriere, um sich ehrenamtlich zu engagieren. Doch Stetter weiß, dass diese Hürden notwendig sind, um das „foodsharing“-Rad am Laufen zu halten: „Wir brauchen absolut zuverlässige Leute. Deswegen sind das Quiz und die Probefahrten auch nötig.“

Doppeltes Engagement

Seit 2019 engagiert sich Franziska Stetter bei „foodsharing“. Nach dem Studium der Tiermedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München war die jetzt 32-Jährige bei einem Vortrag auf einer Nachhaltigkeits-Messe. „Das Thema ,foodsharing‘ hat mich damals schon total fasziniert“, so Stetter. Daraufhin folgte ein paar Wochen als „foodsharer“. Stetter bot also privat Lebensmittel an, wollte sich aber mehr einbringen: „Ich wurde ,foodsaver‘ und habe Lebensmittel von Supermärkten, Restaurants, Bäckereien und Wochenmärkten abgeholt und dann wieder an Private verteilt.“

Heuer hat die gebürtige Darmstädterin, die als ärztliche Beraterin bei einer Heimtierbedarf-Kette arbeitet, ihren nächsten Schritt bei „foodsharing“ gemacht. Sie wurde zur Botschafterin für die Bezirke Bad Tölz und Staffelsee/Kochelsee und Umgebung. Nun steht weniger Lebensmittel retten oder verteilen auf dem Programm, sondern viele organisatorische Aufgabe. Es gilt neue „foodsaver“ anzuwerben und beispielsweise „foodsharing“-Ausweise aufzustellen.

Informieren/engagieren:

Mehr Informationen zu „foodsharing“ gibt es auf deren Webseite. Dort können Interessierte auch spenden, sowie zum „foodsharer“ oder „foodsaver“ werden. Wer weitere Fragen zu den regionalen „foodsharing“-Konzepten hat, kann sich bei Franziska Stetter per E-Mail an f.stetter@foodsharing.network melden.