Felix Jaehn: Mentale Gesundheit – “Ich stolperte in den Erfolg und bin tief gefallen”

von Lukas Hildebrand
26.10.2021, 11:55 Uhr

Als Felix Jaehns erster Song 2014 in 55 Ländern an der Spitze der Charts landete, kannten seinen Namen binnen weniger Wochen Millionen Menschen weltweit. Für ihn selbst war dies die einsamste Zeit seines Lebens. Wie schaffte es der DJ heraus aus einer Zeit voller Panikattacken? 

“Ich dachte immer, dass ich eines Morgens aufwache und mir ganz klar darüber bin, was ich eigentlich will”, schrieb Felix Jaehn, als er sich 2018 zu seiner Bisexualität bekannte. Es war einer von vielen Befreiungsschlägen, die dem jungen DJ aus einer schmerzhaften Zeit verhalfen. Einer Zeit, die mit einem Welterfolg begann.

Im Jahr 2014 erreichte der damals 20 Jahre alte DJ aus Mecklenburg-Vorpommern mit seinem “Cheerleader”-Remix als erster deutscher Musiker die Spitze der US-Charts. Zuletzt gelungen war dies Milli Vanilli 26 Jahre zuvor. An dem damals völlig unerfahrenen BWL-Studenten Jaehn schieden sich schlagartig die Geister. Während Außenminister Frank-Walter Steinmeier ihm überschwänglich für seinen Erfolg gratulierte, empfand die “Süddeutsche Zeitung” den künstlerischen Anteil des jungen DJs am Endprodukt des Remixes als zu “aufgebauscht”. 

2021 ist Felix Jaehns Erfolg unbestritten. Der Mann aus einem kleinen Dorf an der Lübecker Bucht ist heute einer der erfolgreichsten Musiker Deutschlands. Auf seinem zweiten Studioalbum “Breathe” thematisiert Jaehn, wie er nach einer langen Reise voller Panikattacken wieder begann ruhiger zu atmen und zu sich selbst fand. Ein Gespräch mit dem stern über mentale Gesundheit, queere Vorbilder und stille Klosterbesuche.

Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast, dass deine Karriere größer werden könnte, als du dir je erhofft hattest?
Ja. Ich saß im Auto auf dem Weg zum Label, um meinen ersten Plattenvertrag als Musiker zu unterschreiben, da bekam ich einen Anruf. Mein “Cheerleader”-Remix, den ich über ein halbes Jahr zuvor herausgebracht hatte, war plötzlich in die Top Ten in Schweden eingestiegen. Wir schauten uns im Auto alle verwundert an, denn niemand aus meinem Team hatte diesen Song noch auf dem Schirm. Da wurde mir klar, dass irgendwas passiert, das ich nicht mehr aufhalten konnte. “Cheerleader” landete am Ende in 55 Ländern auf Platz Eins und stand sechs Wochen an der Chartspitze der USA. Mein erster Song schrieb direkt Geschichte. Ich vergleiche diesen Remix gerne mit dem Tor von Mario Götze im WM-Finale 20214. So ein Tor schießt du tendenziell nur einmal in deinem Leben. Bei jedem neuen Song hofft mein Team heute, dass ein solcher Moment wiederkommt.

Hast du dich damals nach Weltruhm gesehnt?
Das weiß ich heute nicht mehr. Aber ich denke schon, dass ich immer davon geträumt habe, als ich mit 16 Jahren anfing, auf Abi-Partys aufzulegen. Leider war ich für das Ausmaß nicht bereit und bin damit nicht zurechtgekommen, als es plötzlich passierte.

Inwiefern?
Ich war einfach zu jung. Der Weltruhm kam, bevor ich die Zeit hatte, mich in meinem Leben zu finden. Ich war ein unsicherer Mensch, der in seinen Erfolg hineingestolpert und gefallen ist. Meine erste Tour war eine Welttournee. Damals war ich 20. Während ich um die Welt flog und auflegte, kamen die ersten Probleme. Als Erstes machte sich der Druck durch Kopf- und Rückenschmerzen bemerkbar. Dann kamen die Panikattacken. Ich ging in dieser Zeit nur noch raus, um meine Pflichttermine zu erfüllen. Nicht einmal mehr in den Supermarkt bin ich gegangen, weil ich Angst hatte, das Haus zu verlassen.

Ich saß alleine im Flugzeug und starrte in die Dunkelheit. Ich fühlte mich so allein.

Der Druck, vor Zehntausenden auf der Bühne zu stehen, das Adrenalin währenddessen, der Zuspruch danach – wie vertrug sich das mit deiner mentalen Gesundheit?
Scheiße ja, das war nicht lustig! Dieser stetige Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung übte sich sehr schlecht auf meine mentale Gesundheit aus. Nach den Konzerten wusste ich nicht, wie ich runterkommen sollte, wenn ich eben noch vor Zehntausenden Fans stand. Oft stürzte ich psychisch ab, nachdem ich die Bühne verlassen hatte. Ich verbrachte damals nach meinen Shows viele Stunden im Flugzeug. Manchmal flog ich für ein Konzert nach Indien und danach direkt wieder zurück. Dann saß ich nach meinem Konzert in einem Flugzeugsitz, starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit der Nacht hinaus und fühlte mich sehr allein. Meine Einsamkeit verstärkte meine psychischen Probleme. Wenn ich aus dem Flugzeug stieg, warteten am Ausgang Fans auf mich. Aus allen Richtungen schrie jemand “Felix”. Dieser Ruf erinnerte mich immer an meine Jugend, wenn mich meine Mutter aus der Küche rief, weil das Essen fertig war. Ich war darauf nicht vorbereitet und drehte mich jedes Mal reflexartig um, wenn ich am Flughafen meinen Namen hörte. Oft erwischten mich meine Panikattacken in diesen Momenten.

Was folgte auf diese Zeit?
Irgendwann verstand ich, dass mein Erfolg mein neues Leben bestimmt. Und ich verstand, dass ich anfangen musste, es zu genießen. Mit 23 durchlebte ich eine wilde Party-Zeit, in der ich verzweifelt versuchte, den Druck rauszunehmen. Ich begann, nach Konzerten auf den Aftershow-Partys zu bleiben, mit meinen Freunden zu trinken und bis zum Morgengrauen zu tanzen. Schließlich hatte ich in allen Clubs freien Eintritt und gratis Getränke.

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Dein zweites Album “Breathe” ist nun erschienen. Ist das Album eine Reaktion auf deine rastlosen Jahre?
Ja, das Album ist inspiriert von den Erfahrungen meiner bisherigen Karriere. Ich möchte offen darüber sprechen, was mit mir geschehen ist und habe bei diesem Album nicht nur als DJ gearbeitet, sondern auch an den Texten mitgeschrieben. Den Titel “Breathe” habe ich gewählt, weil das Atmen eine zentrale Rolle in meiner persönlichen Transformation der letzten Jahre gespielt hat. Meine schwere Anfangszeit und meine mentalen Probleme habe ich unter anderem mit Meditation in den Griff bekommen. Letztes Jahr habe ich gemerkt, dass die schweren Zeiten vorbei sind und ich mein Leben wieder im Griff habe. An einem Morgen stand ich in meiner Heimat an der Ostseeküste, habe über ein Feld geschaut und einfach nur geatmet. Da habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr brauche für ein glückliches Leben als Atmen. Aus diesem Gedanken heraus entstanden ein Song und das Album.

Was hilft dir heute, deine mentale Gesundheit zu stabilisieren und dafür zu sorgen, dass deine Panikattacken nicht zurückkommen?
Ich habe mir eine Routine erarbeitet. Jeden Morgen mache ich Sport und dusche eiskalt. Auch da geht es um die richtige Atmung. Man sollte nicht vor Kälte verkrampfen, sondern ruhig atmen, sich entspannen und seinen Körper an das Wasser gewöhnen. Doch das, was mir am meisten hilft, meine mentale Gesundheit zu stabilisieren, ist die Meditation. Ich meditiere jeden Tag. Während der Corona-Lockdowns habe ich bis zu drei Stunden täglich meditiert. Meinen Geist abzuschalten, meinen Körper mit Sauerstoff zu fluten und mich als Mensch währenddessen zu reflektieren, gibt mir einen unfassbaren Kick. Noch dazu esse ich nur zweimal täglich, nur bio und fast ausschließlich vegane Lebensmittel. Außerdem habe ich in letzter Zeit gelernt, wie wichtig die Flugmodus-Funktion auf meinem Handy für meine mentale Gesundheit ist. Ich mache den Flugmodus morgens erst raus, wenn ich trainiert, geduscht und meditiert habe. Abends aktiviere ich ihn eine Stunde vor dem Schlafengehen.

Sehnst du dich nicht manchmal zurück in eine wilde Zeit ohne strikte Tagesstruktur?
Nein. Wie ich heute mein Leben führe, hat nichts mit Zwang zu tun. Ich genieße mein Leben wie es heute ist. Aber ich habe natürlich auch manchmal Zeiten, in denen ich Großstadt-Stress atme, mit Freunden Alkohol trinke und abends feiern gehe. Aber trotzdem meditiere ich am nächsten Morgen.

Der Großteil deines Tages dreht sich um Musik. Letztes Jahr warst du in einem Kloster. Wie hält es jemand wie du da aus?
Ich verbringe tatsächlich eigentlich meinen ganzen Tag mit der Musik. Als ich im letzten Jahr ins Kloster gegangen bin, wollte ich versuchen, durch eine Reduzierung auf das Wesentliche glücklicher zu werden. Heute weiß ich, dass ich keine Serien, kein Fernsehen und kein Social Media brauche, um glücklich zu sein. Dafür habe ich gerne ein paar Wochen Musikmachen geopfert. Denn dort konnte sich mein Geist von den letzten Jahren erholen. Es ging mir darum, Achtsamkeit zu lernen. Ich habe dort einfach nur gegärtnert, gegessen, meditiert und bin spazieren gegangen.

Hat dich dort niemand erkannt?
Ich wurde tatsächlich von Einzelnen erkannt. Das war aber kein Problem, denn in dem Kloster stand die kollektive Erfahrung, mit 20 anderen Menschen zusammenzuleben, im Vordergrund. Es war für mich toll, niemand Herausragendes zu sein, sondern wie früher in einer Gruppe aus Menschen unterzugehen.

Ich wollte nicht, dass die Menschen mich beim Tanzen verdächtigen, queer zu sein.

Der Stress und die Panikattacken entsprangen auch der Tatsache, dass du deine Bisexualität lange versteckt gehalten hast. In welchen Momenten war dieses Geheimnis für dich am schwersten auszuhalten?
In drei Momenten. Erstens: in Interviewsituationen, in denen Journalist:innen sich sehr für mein Privatleben interessiert haben. (Lacht) Spätestens als ich den Song “She’s too hot to touch” herausgebracht habe, kamen alle an und wollten wissen, wer denn genau too hot to touch sei. Ich hatte immer das Gefühl, auf diese Frage nicht mit der ganzen Wahrheit antworten zu können, und bin den Fragen ausgewichen. Zweitens: im tatsächlichen Leben. Ich hätte auf Partys gerne auch mal mit einem Mann Blickkontakt aufgenommen und geflirtet. Aber das ging nicht, weil es sonst aufgeflogen wäre. Und drittens: meine Kunst. Es ist mir erst neulich klar geworden, aber ich habe früher nicht so getanzt, wie ich es eigentlich wollte. Wenn ich ein Konzert spiele, dann tanze ich gerne mit sehr runden Armbewegungen, die ich früher vermieden habe, weil ich dachte, dass sei zu feminin und die Menschen könnten daraus meine Sexualität ablesen. Ich wollte nicht, dass die Menschen mich verdächtigen, queer zu sein. 

Du hast deine Bisexualität im “Zeit Magazin” öffentlich gemacht. Wie kamst du zu dem Entschluss?
Ich wusste seit längerer Zeit, dass ich es aussprechen wollte. Also habe ich mir ein Format im “Zeit Magazin” ausgesucht, in dem man in Ich-Perspektive einen Traum aufschreiben konnte. Ich wollte daraus kein Promotion-Ding machen und habe danach alle Interviewanfragen abgeblockt. Heute kann ich offen zu meiner Bisexualität stehen, schreibe Songs darüber und trete auf dem Christopher Street Day (CSD) auf.

Was hätte dir in deiner Jugend geholfen, mit deiner Sexualität offener umzugehen?
Vorbilder in der Öffentlichkeit. In meiner Heimat gab es weder in meiner Schule noch in meinem Freundeskreis, meiner Familie oder meinem Sportverein auch nur einen queeren Mann! Das Internet war der einzige Ort, an dem ich Vorbilder finden konnte. Doch bei uns auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern hat die Seite von Schüler-VZ damals noch über zehn Minuten geladen. Dabei hätte ich unbedingt ein paar YouTube-Videos gebraucht, die mir erklären, was Queerness bedeutet.

Tanzbare EDM-Musik kommt mir persönlich nicht als Erstes in den Kopf, wenn ich an Songs denke, die über Themen wie Queerness aufklären. Wie schafft man es als DJ ernste Botschaften mitzugeben?
(Lacht) Das war einer meiner größten Herausforderungen bei diesem Album. In manchen Songs spreche ich über meine mentalen Probleme. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, mich durch das Inhaltliche in diesen Songs sehr weit weg von meiner typischen Arbeitsweise als DJ bewegt zu haben. Das Schöne an Dance-Musik ist, dass die Interpretation des Songs keine Verpflichtung ist. Ich verstehe, dass man auf einem Festival auch einfach nur zu meiner Musik tanzt.

Mentale Gesundheit und Bisexualität: Felix Jaehn:

DJs, die ich aus Berlin kenne, trinken alle Sekt auf Eis, rauchen und nehmen Drogen. Du lebst laut eigener Aussage frei von Drogen. 
Dabei hat mir meine Erziehung sehr geholfen. Ich war schon immer sehr artig und habe nie die Eskalation gesucht. Aber es war auch der enorme Anspruch, der auf mir lastete. Ich dachte mir immer: “Ey du spielst gleich vor Tausenden von Leuten, die für dein Konzert gezahlt haben. Du musst alles geben und kannst dich nicht betrinken!” Die ersten zwei Jahre meiner Karriere habe ich deshalb keinen Tropfen Alkohol getrunken. 

Was ist der größte Unterschied zwischen dem Jugendlichen Felix vom Land und dem erfolgreichen Jaehn, der die Welt bereist hat?
Der größte Unterschied ist zugleich mein größter Erfolg: Ich bin heute gefestigt in mir selbst, weiß wer ich bin und was ich will. Das wusste ich früher nicht. Ich war damals verloren und habe mir so viele Fragen gestellt. Natürlich hilft mir mein kommerzieller Erfolg, dass ich mir mein Bio-Futter leisten kann, aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend an meinem Erfolg war, dass er so plötzlich kam und mich ins kalte Wasser geworfen hat. Ich bin seitdem einen langen Leidensweg gegangen und durfte daran wachsen.

Quellen: ZEIT Magazin 

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