Experten erklären Werbelügen auf Lebensmittelverpackungen – B.Z. Berlin

Von „fettfrei“ bis „voller Vitamine“ – immer mehr Lebensmittel locken mit gesunden Labels. Aber wie viel Wahrheit steckt drin? Kann man den Körper einfach so fit futtern?

Pudding ohne Fett, Gummibärchen mit Vitaminen, Chips voller Proteine – heutzutage kann man auch Ungesundes futtern und dabei schlank und gesund werden. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man durch die Supermarktregale spaziert. Packungen aufFür fast alle alltäglichen Lebensmittel gibt es mittlerweile Gesundheitslabels. Doch welche davon stimmen und welche sind eine dreiste Werbelüge?

Wir sprachen mit Manuel Wiemann (29­­), Experte für Lebensmittelkennzeichnung bei Foodwatch. Die Berliner Organisation entlarvt „legale“ Verbrauchertäuschungen und verleiht einmal im Jahr den „Goldenen Windbeutel“, einen Negativ-Preis für die dreisteste Werbelüge des Jahres (auf foodwatch.org/de/goldener-windbeutel können Sie aktuell abstimmen).

„Unsere Lebensmittelgesetze schützen Verbraucher nicht ausreichend vor Produkttäuschung“, sagt Manuel Wiemann. „Die Verbraucher sollten sich keine wissenschaftlichen Studien durchlesen müssen, um am Supermarktregal zu wissen, ob das Produkt mit zugesetzten Vitaminen wirklich gesund ist oder wirklich zuckerfrei. Sie müssen sich auf die Aussagen auf der Packung schlicht verlassen können.“

Hier erklärt der Experte, wie viel Wahrheit bzw. Lüge hinter den typischen Gesundheitslabeln steckt:

 

Viele Lebensmittel werden mit Vitaminen versetzt – Experten empfehlen aber auf Packung zu schauen (Foto: picture alliance)

Sind zugesetzte Vitamine eine Lösung für Obstmuffel?

Hat man sich früher ungesund ernährt, baute man auf Vitaminpillen, um sein schlechtes Gewissen auszugleichen. Heute geht es vermeintlich einfacher: Viele Säfte und sogar Süßigkeiten werben mit Labeln wie „Plus wertvolle Vitamine“. Auch für Eltern ist es eine willkommene Gelegenheit, Vitamine in ihr Kind zu bekommen. Oder doch nicht?

„Zugesetzte Vitamine sind grundsätzlich in Ordnung. Die Frage ist hier viel mehr, in welchen Lebensmitteln sie zugesetzt werden“, sagt Manuel Wiemann. „Wenn Fruchtgummi, das zu 60 Prozent aus Zucker besteht, mit Vitaminen beworben wird, ist das für den Verbraucher irreführend und nicht in Ordnung. Das Gleiche gilt für vermeintliche Multivitaminsäfte, die sonst nur aus Aromen, Süßungsmitteln und Geschmacksverstärkern bestehen. Nichts daran ist gesund, trotz Vitaminen.“

Wie süß ist das Zuckerfrei-Versprechen?

Wenn Produkte mit dem vielversprechenden Label „ohne Zuckerzusatz“ im Regal stehen, sollte man sich nicht blenden lassen (Müsli oder Cornflakes sind hier die Klassiker). Denn es garantiert lediglich, dass kein Zucker zu Süßungszwecken verwendet wurde. Hersteller greifen aber gerne auf Agaven- oder Apfeldicksaft zurück, die praktischerweise als Bindemittel durchgehen. Manche Produkte enthalten auch einfach von Natur aus sehr viel Fruchtzucker wie z. B. Datteln. Man darf „ohne Zuckerzusatz“ also auf Produkte schreiben, die größtenteils aus Zucker bestehen.

Der Experte: „Auf diese Weise dürften weiterhin Zuckerbomben als gesund beworben werden. Dabei ist die Gesamtmenge des Zuckers entscheidend, nicht die Zuckerart!“ Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt eine maximale Zufuhr von 50 Gramm freiem Zucker pro Tag, also Zucker, der entweder Lebensmitteln zugefügt ist oder in Säften, Honig oder Sirup natürlich vorkommt. Getarnter Zucker ist auf der Verpackung übrigens leichter zu erkennen, wenn eine einfache Regel beachtet wird: Alles, was am Ende des Namens „-ose“ trägt, ist ein Zucker.

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Gibt es vollen Genuss in der Light-Version?

Light-Produkte sind ein großer Trend, teilweise gibt es Salatsoßen oder Joghurts mit nur 0,1 Prozent Fett! Die Idee dahinter? Werden Fette in der Nahrung reduziert, führt dies auch zu einer Verringerung der Kalorienaufnahme – Genuss ohne Reue sozusagen. Doch Fette sind nahezu unverzichtbar für den Genuss, denn ihnen ist es zu verdanken, dass viele Aromen erst ihren vollen Geschmack entfalten. Also muss man sie ersetzen: durch Zucker, Salz oder Geschmacksverstärker.

Manuel Wiemann (29­­) plädiert dafür, dass nur ausgewogene Lebensmittel sich mit dem „Fettarm“-Label schmücken dürfen. „Dann ist es auch ausgeschlossen, dass zwar Fett entzogen, aber stattdessen übermäßig viel Zucker zugesetzt wird.“ Eine Lösung sieht der Experte im sogenannten Nutri-Score: „Die neue Ampelregierung sollte auch die Lebensmittelampel auf Produkten verpflichtend machen.“ So lassen sich gesunde (grün) von ungesunden (rot) Lebensmitteln einfacher unterscheiden.

„Protein-Shakes sind eine Masche der Lebensmittelindustrie“, sagt der Experte (Foto: picture alliance / Frank May)„Protein-Shakes sind eine Masche der Lebensmittelindustrie“, sagt der Experte (Foto: picture alliance / Frank May)

Was bringen Protein-Shakes?

„Protein Power“ lesen wir oft auf Fitnessprodukten wie Riegeln, Drinks, Pülverchen zum Selbstmixen oder sogar auf Knabbereien. Aber was hält das Versprechen von besonders viel Eiweiß? Werden wir damit leistungsfähiger und gesünder?

Der Experte: „Der Protein-Hype ist eine Masche der Industrie, um Produkte als gesund zu labeln und bis zu 50 Prozent teurer zu verkaufen. Häufig werden hier Milchproteine zugesetzt. Das ist sehr günstig für den Hersteller und wenig nützlich für den Verbraucher.“

Denn: Proteinzusätze sind für die meisten Menschen überflüssig. „Selbst wenn man viermal die Woche Sport macht, nimmt man durch eine ausgewogene Ernährung genug Proteine auf.“ Plus: Unter den vielen Lebensmitteln, die mit einem Extra an Proteinen werben, befinden sich auch Riegel, die zur Hälfte aus Fett und Zucker bestehen. Alles andere als gut für die Fitness.

Guten Gewissens kaufen oder einfach mal nachdenken

Einfach nur gesund reicht nicht mehr aus, immer mehr Menschen interessieren sich für den Umweltschutz und eine nachhaltige Lebensweise. Naheliegend, dass auch Unternehmen auf diesen Trend reagieren – das gilt nicht nur in der Modewelt, sondern auch in den Supermarktregalen. Doch wie echt sind Labels wie „klimaneutral“ oder „umweltschonend“? Und wie viel Greenwashing ist dabei?

Manuel Wiemann: „Eine große Supermarktkette bewirbt Fleisch als klimaneutral. Dabei ist Tierhaltung nie klimaneutral. Eine besonders dreiste Umweltlüge haben wir dieses Jahr sogar für den ‚Goldenen Windbeutel‘ nominiert. Ein Wasser, das ebenfalls mit diesem Label wirbt, aber aus Frankreich über etliche Kilometer in Plastik-Einwegflaschen nach Deutschland gefahren wird!“ Bei diesem Thema lohnt es sich einfach, kurz selbst zu überlegen, ob die Umweltaufkleber so stimmen können. Und sich dann für ein Berliner Wasser zu entscheiden.