Eiweissreiche Ernährung: Menschlicher Urin wird immer mehr zum Umweltproblem

Publiziert13. August 2022, 10:49

Eiweissreiche ErnährungMenschlicher Urin wird immer mehr zum Umweltproblem

Proteinreiche Nahrungsergänzungsmittel gelten als gesund und entsprechend angereicherte Produkte liegen im Trend. Doch eine zu proteinreiche Ernährung führt zu Ausscheidungen, die die Wasserqualität und die Artenvielfalt gefährden. Auch aquatische Todeszonen sind möglich.

von

Fee Anabelle Riebeling

1 / 9

Urin wird auch immer von dem beeinflusst, was der Mensch zu sich genommen hat. 

Getty Images/iStockphotoNimmt eine Person etwa viel Eiweiss zu sich, dann baut ihr Körper den Überschuss in Form von Harnstoff ab. 

Nimmt eine Person etwa viel Eiweiss zu sich, dann baut ihr Körper den Überschuss in Form von Harnstoff ab. 

UnsplashDieser wird mit dem Urin zusammen ausgeschieden und enthält viel Stickstoff. 

Dieser wird mit dem Urin zusammen ausgeschieden und enthält viel Stickstoff. 

Pexels

  • Der Verzehr von zu viel Eiweiss sorgt dafür, dass Urin sehr viel Stickstoff enthält.

  • Hat es zu viel davon,  gefährdet der ausgeschiedene Urin die Wasserqualität und die Artenvielfalt.

  • Im schlimmsten Fall drohen aquatische Todeszonen.

  • In den USA ist der Stickstoffgehalt so hoch, dass er mit dem aus landwirtschaftlichen Düngemitteln konkurriert. 

Ohne Proteine geht es nicht: Gemeinsam mit Fetten und Kohlenhydraten bilden sie die Hauptnährstoffe, die wir zum Leben brauchen. Sie sind essentiell, wie Fachleute sagen. Doch zu viel davon ist auch nicht gut – weder für die Gesundheit noch für die Umwelt, wie Forschende der University of California in Davis im Fachjournal «Frontiers in Ecology and the Environment» schreiben.

«Es hat sich herausgestellt, dass viele von uns viel mehr Eiweiss essen, als sie brauchen, und das hat Auswirkungen auf die Ökosysteme», so das Fazit des Teams um die Umweltwissenschaftlerin Maya Almaraz. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Protein aus tierischer oder pflanzlicher Quelle stammt.

«Stickstoffkaskade» mit Folgen

Nimmt eine Person zu viel Eiweiss zu sich, dann baut ihr Körper den Überschuss in Form von Harnstoff ab, der mit dem Urin zusammen ausgeschieden wird, viel Stickstoff enthält und schliesslich im Abwasser landet. Dort kann der Stickstoff eine sogenannte «Stickstoffkaskade» auslösen, so die Forschenden.

Was das heisst, führt Scientificamerican.com aus: «Unter bestimmten chemischen Bedingungen und in Gegenwart bestimmter Mikroben kann Harnstoff zu Gasen aus oxidiertem Stickstoff abgebaut werden.» Diese Gase gelangten in die Atmosphäre, wo Distickstoffoxid (N2O) über den Treibhauseffekt zur Erwärmung beitrage und Stickoxide (NOx) sauren Regen verursachen. In anderen Fällen ernährten sich Blaualgen direkt von Harnstoff. «Der Stickstoff hilft ihnen, viel schneller zu wachsen, als sie es normalerweise tun würden, und verstopft lebenswichtige Wasservorräte mit Blüten, die Giftstoffe produzieren können, die für Menschen, andere Tiere und Pflanzen schädlich sind.»

Aquatische Todeszonen

Selbst wenn die Algen absterben würden, sei das Problem noch nicht gelöst, so die Autorin. Denn Mikroorganismen, die sich von abgestorbenen Algen ernähren, verbrauchten den Sauerstoff im Wasser, «was zu ‹toten Zonen› in Flüssen, Seen und Ozeanen führt, in denen abgesehen von Mikroben kaum etwas mehr überleben kann.» Mit anderen Worten: Der Stickstoffüberschuss löst eine Entwicklung aus, die die Wasserqualität und die Artenvielfalt gefährdet.

Die Menge des aus dem menschlichen Urin stammenden Stickstoffes ist in den USA bereits so gross, dass sie mit der Verschmutzung durch landwirtschaftliche Düngemittel konkurriert, die von Feldern abgeschwemmt werden, so das Team um Almaraz. Weltweit werden jährlich mehr als 100 Millionen Tonnen Stickstoff über Düngemittel für den Pflanzenbau ausgebracht.

Möglichkeiten, um das Problem in den Griff zu bekommen

Zwar gebe es längst technische Lösungen zur Abwasserreinigung, mit denen sich das Problem um 90 Prozent reduzieren ließe, doch aufgrund der hohen Kosten kämen diese nicht einmal bei einem Prozent des Abwassers zum Einsatz, schreibt Derstandard.at. Andere Methoden zur Elimination der Algen, wie das Besprühen der Oberfläche einer Blüte mit Tonpartikeln oder Chemikalien, sind nicht immer wirksam, um das gesamte schädliche Wachstum zu beseitigen. Einige dieser Methoden können sogar zu einer zusätzlichen Verschmutzung führen, so Scientificamerican.com.

Die beste Möglichkeit stellt laut Almaraz eine Ernährungsumstellung dar. Das hätten ihre Berechnungen gezeigt. Würden die Menschen in den USA die wissenschaftlichen Empfehlungen für die Proteinzufuhr befolgen, würden kurzfristig etwa zwölf Prozent weniger Stickstoff, bis Mitte des Jahrhunderts sogar fast 30 Prozent weniger in die Oberflächengewässer gelangen. Dafür ist laut Patricia Glibert von der University of Maryland, die nicht an der Studie beteiligt war, keine komplette Umstellung notwendig: Es würde schon reichen, den Konsum von Fleisch und Milchprodukten zu reduzieren.

Abonniere in der 20-Minuten-App die Benachrichtigungen des Wissen-Kanals. Du wirst über bahnbrechende Erkenntnisse und Entdeckungen aus der Forschung, Erklärungen zu aktuellen Ereignissen und kuriose Nachrichten aus der weiten Welt der Wissenschaft informiert. Auch erhältst du Antworten auf Alltagsfragen und Tipps für ein besseres Leben.

So gehts: Installiere die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippe unten rechts auf «Cockpit», dann «Einstellungen» und schliesslich auf «Push-Mitteilungen». Beim Punkt «Themen» tippst du «Wissen» an – et voilà!