Einzelhändler liefert Einkäufe mit Drohnen

San Francisco Als erster amerikanischer Einzelhändler setzt Walmart großflächig Drohnen für die Zustellung von Lebensmitteln ein. Vier Millionen Haushalte in sechs Bundesstaaten – Texas, Arizona, Utah, Virginia, Arkansas, Florida – können sich bald ihre online bestellten Waren via Drohnen nach Hause liefern lassen, wie Walmart Ende Mai mitteilte.

Der Supermarktriese arbeitet bereits seit Längerem an einem Drohnenprogramm in Kooperation mit dem Hersteller Drone Up. Bisher stand das Angebot nur einer kleinen Testgruppe in Arkansas offen. Nun wird das Programm stark ausgedehnt, laut Walmart auf bis zu eine Million Drohnenzustellungen pro Jahr.

Die Ankündigung wirft ein Schlaglicht auf den umkämpften Markt für Drohnenlieferungen, in dem neben Walmart unter anderem Amazon, Alphabet und die Logistikdienstleister Fedex und UPS aktiv sind. Dank der Drohnen sollen künftig die hohen Zustellungskosten auf der „letzten Meile“ reduziert und Haushalte in ländlichen Gebieten einfacher bedient werden können. Bisher waren alle Anbieter erst in relativ kleinen Testgebieten in den USA aktiv, doch das ändert sich nun.

Für die Walmart-Kunden ist die Zustellung via Drohne bequem: Gegen eine Liefergebühr von knapp vier Dollar können sie bei ausgewählten Lebensmitteln mit einem Gesamtgewicht von bis zu 4,5 Kilogramm die Lieferoption „Zustellung via Luft“ wählen. Mitarbeiter packen die Einkäufe in ein Paket und hängen es an die Greifarme einer Drohne.

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Diese fliegt innerhalb von 30 Minuten zur Zustelladresse – meist der Garten des Kunden oder ein Parkplatz. Aus 25 Meter Höhe wird das Paket dann über ein Kabel abgelassen. Der Kunde darf dabei nicht in der Nähe der Drohne stehen. Die amerikanische Flugaufsichtsbehörde FAA untersagt es, Drohnen über Menschen oder Autos fliegen zu lassen.

Drohne im Lieferflug

Die von einem Piloten gesteuerten Drohnen müssen auf Sicht fliegen und liefern in einem Umkreis von 2,5 Kilometern einer Filiale Pakete aus.

(Foto: Walmart)

Ursprünglich habe man erwartet, dass die Kunden die Zustellung via Luft nur in Ausnahmesituationen nutzen würden, sagt David Guggina, der bei Walmart für Innovationen und Automation verantwortlich ist. „Inzwischen haben wir gelernt, dass sie (das Angebot) auch aus reiner Bequemlichkeit nutzen, etwa für ein schnelles Abendessen an einem Werktag.“ In einer Filiale sei das am meisten via Drohne bestellte Produkt das Fertiggericht „Hamburger Helper“.

Ganz automatisiert funktioniert die Zustellung aber nicht: Menschliche Piloten der Firma Drone Up steuern die Maschinen, das schreibt die FAA vor. Ebenso müssen Drohnen immer auf Sicht geflogen werden. Walmart hat deswegen auf den Parkplätzen der entsprechenden Filialen neun Meter hohe Türme errichtet, von denen aus die Drohnenpiloten einen Sichtflug von bis zu 2,5 Kilometer Entfernung überwachen. Das Programm ist also personalintensiv – und Kunden müssen nah an der Walmart-Filiale wohnen.

Amazons Drohnenprogramm hat bereits zwei Milliarden Dollar gekostet

Für Walmart ist das ausgebaute Drohnenprogramm ein strategischer Etappensieg: Die Supermarktkette konkurriert in den USA mit Amazon darum, wer den Kunden die schnellere Zustellung bieten kann. So versprechen beide Konzerne Lieferungen innerhalb von weniger als zwei Stunden und auch Zustellungen bis in die eigene Küche.

Auch Amazon testet seit mehreren Jahren Zustellungen mit Drohnen unter dem Namen Prime Air. Anders als bei Walmart soll bei Amazon die Zustellung irgendwann einmal vollautomatisiert funktionieren, also ganz ohne menschliche Piloten. Die Drohnen sollen Pakete von maximal rund 2,5 Kilogramm transportieren können, was 85 Prozent der Bestellungen bei Amazon abdecken würde.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Amazon-Gründer Jeff Bezos hatte 2013 in einem Interview mit dem Fernsehsender CBS davon geschwärmt, dass Amazon seine Drohnen in womöglich vier bis fünf Jahren großflächig einsetzen werde. Davon scheint die Firma selbst im Jahr 2022 weit entfernt – und das, obwohl laut Bloomberg schon mehr als zwei Milliarden Dollar in das Programm geflossen sind und tausend Mitarbeiter daran arbeiten.

Amazon-Drohne

Mit Prime Air will auch Amazon den Kunden Pakete aus der Luft zustellen.

(Foto: Reuters)

Immer wieder setzen Pannen Amazons Drohnenprogramm zu. Vergangenes Jahr etwa stürzte eine Drohne bei einem Testflug im ländlichen Oregon ab und löste ein Buschfeuer aus, bei dem eine Fläche von mehr als 100.000 Quadratmetern abbrannte.

Auch wollte Amazon seine Drohnen ursprünglich näher über dem Boden fliegen lassen, um die Waren zuzustellen, wie „Wired“ berichtet. Doch das machte zusätzliche Sensoren erforderlich, welche die Drohne schwerer gemacht hätten. Damit hätte sie zu einer anderen Klasse von Drohnen gehört, für die die Aufsichtsbehörde FAA zusätzliche Regulierungen vorsieht.

Alphabets Tochterfirma Wing fliegt in Virginia und Texas

Auch Googles Mutterkonzern Alphabet arbeitet seit zehn Jahren an einem Drohnenprogramm, das inzwischen den Namen Wing trägt. In zwei Städten in Australien und einer in Finnland testet die Firma bereits seit Längerem ihre Drohnen in Kooperationen mit Supermärkten.

In den USA können sich seit wenigen Wochen Kunden in drei Vorstädten in Texas und Virginia Produkte der Drogeriemarktkette Walgreens mit der Wing-Drohne liefern lassen. Stand März 2022 hat Wing bisher 200.000 Pakete zugestellt – Lebensmittel, Erste-Hilfe-Produkte, aber auch Fast Food.

>> Lesen Sie auch: Die Milliarden-Illusion: Die Jäger der Amazon-Marken geraten in die Krise

Anders als Walmart und Amazon hat Wing von der Flugaufsichtsbehörde FAA eine Ausnahmegenehmigung erhalten und darf seine Drohnen selbstständig und ohne Sichtkontakt fliegen lassen. Damit kann Wing seine Produkte in einem Radius von gut sechs Kilometern zustellen. Ähnlich wie bei Walmart landen die Drohnen nach vollbrachter Lieferung auf den Parkplätzen der Drogeriemärkte, wo sie wieder aufgeladen werden.

Bei den Zustellungen via Drohne gehe es nicht nur darum, die Bequemlichkeit für die Kunden zu erhöhen, heißt es vonseiten der Alphabet-Tochter. Drohnen böten der Gesellschaft viele Vorteile: „Wir wollen auch Verkehrsstaus, Unfälle und Treibhausgase reduzieren und den Umsatz für Geschäfte erhöhen.“

Regen und Wind sind noch Hindernisse

Eines der größten Probleme für Drohnenzustellungen war und ist jedoch das Wetter. „Man kann die Drohnen nicht fliegen, wenn es windet, man kann sie nicht fliegen, wenn es regnet“, beklagte die CEO des Logistikkonzerns UPS, Carol Tomé, vor einigen Monaten auf einer Konferenz der amerikanischen Handelskammer. Auch dicht besiedelte Städte sind für Drohnen eine Herausforderung, weil dort Menschen recht einfach durch die Drohnen oder die landenden Pakete verletzt werden könnten.

Aus diesem Grund beschränken sich alle Anbieter bisher auf Zustellungen in Vorstädten oder ländlichen Gebieten. Doch die Erfahrungen, die Firmen wie Walmart nun mit ihrem ausgebauten Programm sammeln können, werden ihnen bei der Weiterentwicklung der Drohnenzustellungen helfen.

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