Die immer gleiche Polemik gegen das Impfen

SonntagsBlick-Chefredaktor Gieri Cavelty.

Die Pocken? «Bei vernünftiger Behandlung mit Diät und feuchten Wickeln eine ganz ungefährliche Krankheit.» So stand es fast auf den Tag genau vor 150 Jahren im «Intelligenzblatt für die Stadt Bern». Was machte es schon, dass damals sieben von 100 Kindern daran starben? Das wahre Übel ging angeblich vielmehr von der Pockenimpfung aus. Diese habe, schrieb das «St. Galler Volksblatt» ungefähr zur selben Zeit, «zur Verschlechterung und der Verderbnis der Menschenrasse mehr beigetragen als alle Krankheiten zusammen».

Willkommen in der Epoche des grossen Impfstreits! Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wird überall in Europa Stimmung gegen die Pockenimpfung gemacht, und unser Land spielt dabei eine Hauptrolle. Beim Internationalen Kongress der Impfgegner 1881 in Köln hat ein Professor aus Bern den Vorsitz. Im Jahr darauf lehnen 78,9 Prozent der Schweizer Stimmenden eine landesweite Impfpflicht ab. Dabei ist die Pockenimpfung da in 22 Kantonen längst obligatorisch – allerdings nur auf dem Papier. Die Kantonsregierungen schicken regelmässig Ärzte zum Immunisieren in die Dörfer. Bloss: Wer seine Kinder der Behandlung entzieht, hat vom Staat nichts zu befürchten.

Keine Frage, die Impfung wurde im 19. Jahrhundert mit rabiaten, für unser heutiges Empfinden oft abenteuerlichen Methoden durchgeführt. Trotzdem klappte es hervorragend mit dem Schutz vor dem Virus. Als der Pockenerreger hierzulande vor 100 Jahren zum letzten Mal grassierte, führte der Bundesrat auf dem Verordnungsweg dann doch noch eine grundsätzliche Impfpflicht ein – seither ist die Gefahr gebannt. Seit 1980 gelten die Pocken weltweit als ausgerottet, dem Vakzin sei Dank.

Im aktuellen SonntagsBlick präsentieren wir Ihnen ein statistisches Panorama der Covid-Pandemie. In der kalten Jahreszeit ­gewinnt die Seuche wieder dramatisch an Dynamik, beinahe überall agieren die Behörden hilflos bis chaotisch. In dieser Situation möchten wir Ihnen zumindest eine geordnete Übersicht über das Geschehen ermöglichen. Besonders eindrücklich sind jene Grafiken, die den direkten Zusammenhang zwischen hoher Durchimpfung und tiefer Infektionszahl belegen.

Zugleich lohnt sich aber auch der Blick zurück auf den epischen Streit um die Pockenimpfung – gerade im Wissen um dessen glücklichen Ausgang. Ein Vergleich der Corona-Impfgegner mit den historischen Vorgängern streicht die abgrundtiefe Absurdität ihres Widerstands zusätzlich hervor.

Es fällt nämlich auf: Die Polemik der Impfgegner ist immer die gleiche. Damals wie heute werden Zweifel an der «Richtigkeit der Statistik» geäussert, gab es Vorwürfe, die Befürworter von Impfung und staatlichen Massnahmen verfolgten ausschliesslich «ökonomische Interessen». Ein 1876 in Zürich gegründeter Verein gegen Impfzwang behauptete dreist, es gäbe «nirgends Beweise, dass Geimpfte seltener oder leichter erkranken». Im Gegenteil, die Krankheit werde durch die Impfung sogar verbreitet.

Und das bereits zitierte «St. Galler Volksblatt» schrieb von der «‹freien› Schweiz, wo alles ‹frei› ist, nur die Leute nicht». Die sogenannten Freiheitstrychler hätten es giftiger nicht formulieren können.

Auf der anderen Seite die Impfbefürworter. Ihre Argumente treffen noch heute den Kern der Sache. So warb Zürichs Stadtpräsident Melchior Römer in den 1880er-Jahren mit folgendem Hinweis für eine möglichst hohe Durchimpfung der Bevölkerung: «Die Freiheit des Einzelnen muss der Wohlfahrt des Ganzen untergeordnet werden.»