“Das ist es also, womit ich zu tun habe” – Gesundheit & Ernhrung

BZ-INTERVIEW mit dem Psychiater Mathias Berger zum Nutzen und Schaden von Selbsthilfebchern bei Erkrankungen und persnlichen Krisen.

atgeber fr Laien knnen ein durchaus sinnvoller Teil einer Therapie sein – vorausgesetzt, sie sind gut gemacht und wissenschaftlich fundiert. Worauf es dabei ankommt, erklrt der Freiburger Psychiater Mathias Berger im Gesprch mit Claudia Fler.

RBZ: Herr Berger, wie gut knnen Selbsthilfebcher denn helfen bei Erkrankungen oder Krisen?
Berger: Einerseits wird fast jeder im Laufe seines Lebens entweder selber oder indirekt durch betroffene Angehrige, Freunde oder Arbeitskollegen mit psychischen Erkrankungen konfrontiert. Andererseits gibt es in unserem Schulsystem bisher so gut wie keine pdagogische Vorbereitung auf diese Problemfelder. Um diese schlimme Wissenslcke zu verkleinern, sind Selbsthilfebcher unersetzlich. Dabei muss man Selbsthilfebcher mit unterschiedlichen Zielsetzungen unterscheiden. Einige Bcher geben fr Laien einen berblick ber das breite Spektrum psychischer Strungen und deren Behandlungsmglichkeiten. Eine weitere Kategorie von Bchern soll Menschen, die entweder selber oder indirekt in ihrem nheren Umfeld von einer psychischen Erkrankung betroffen sind, bei der Bewltigung Hilfestellung leisten. Ein ganz wichtiger Punkt in der Behandlung psychischer Strungsbilder ist die sogenannte Psychoedukation: dem Betroffenen und auch seinem Umfeld fundiertes Wissen ber seine psychische Erkrankung als Hilfe zur Selbsthilfe zu vermitteln. So kann der Arzt zustzlich das Risiko reduzieren, dass Patienten zum Beispiel ungefiltert im Internet auf unserise Pseudoinformationen stoen und dadurch verunsichert werden. Selbsthilfebcher knnen Teil der Therapie sein. Allerdings haben die Gtter vor die Therapie die Diagnose gestellt.
BZ: Das heit?

Berger: Dass bei psychischen Strungen von Krankheitswert man zuerst in einer rztlichen oder psychologische Sprechstunde sich eine Diagnose einholen, und erst danach in einem vertrauenswrdigen Selbsthilfebuch weiteren Rat suchen sollte. Psychische Erkrankungen wie etwa eine Depression oder eine Angststrung knnen erhebliche berlappungen der Beschwerden aufweisen, werden aber doch unterschiedlich behandelt.
BZ: Es greifen ja nicht nur Erkrankte zu Ratgebern, sondern auch Leute, die mal in sich hineinhorchen oder andere Menschen besser verstehen wollen.
Berger: Das ist die dritte Reihe von Bchern. Sie zielt darauf ab, Menschen in hufig sich ereignenden Krisensituationen wie berarbeitung, Partnerschafts- oder Erziehungsproblemen Hilfestellung zu leisten. Als ein Beispiel sei das von der AOK initiierte Selbsthilfebuch “Lebe Balance – Das Programm fr innere Strke und Achtsamkeit” genannt. Es konnte gezeigt werden, dass sich die Befindlichkeit von noch nicht Erkrankten, aber “Gestressten” damit deutlich verbessern lie. Es wre allerdings sehr zu begren, wenn es in dem riesigen Meer von allgemeinen Ratgebern mehr Qualittskontrollen gbe.
BZ:
Wer kann mir bei der Auswahl helfen?
Berger: Den eigenen Hausarzt zu fragen, ist immer eine gute Idee. Dann gibt es fr nahezu jede Erkrankung wie Depression, Zwangsstrung oder Angsterkrankungen Fachgesellschaften, die Betroffenen gute Ratgeber empfehlen knnen. Und wer schon ein gutes Buch zu einem bestimmten Thema hat, findet dort meist auch noch Hinweise auf weiterfhrende Literatur zum selben Thema.
BZ: Knnen Selbsthilfebcher auch schaden?
Berger: Auf jeden Fall. Wenn man beispielsweise eine Art Sucht entwickelt und meint, man knne alles durch vielfltigste Lektre selber klren und sich behandeln. Ich bin auch sehr skeptisch, wenn man ber Personen, mit denen man Konflikte hat, wie Partner oder Kollegen, Bcher liest, um ihnen eine Diagnose anzuhngen. Besonders beliebt ist etwa als Ergebnis der Lektre: Jetzt wei ich es, unser Problem ist, du bist ein Narziss!
BZ: Woran merke ich, ob mir ein Ratgeberbuch hilft?
Berger: An der Entlastung, die es einem bringt. Am Erkenntnisgewinn und dem Gefhl: Aha, das ist es also, womit ich zu tun habe, und ich bin nicht der Einzige, der daran leidet, und man kann es erfolgreich berwinden. Das sollte sptestens beim zweiten Buch passieren. Beim Ersten kann man sich noch vergriffen haben oder es liegt einem die Art des Buches nicht. Wer zwei Bcher gelesen hat zu einem Thema, zu dem er Hilfe sucht, und damit nicht weiterkommt, der sollte zu einer Beratungsstelle oder seinem Hausarzt gehen und sich Rat holen.

Mathias Berger ist emeritierter rztlicher Direktor der Klinik fr Psychiatrie und Psychotherapie am Universittsklinikum Freiburg und Vorstandsvorsitzer des Freiburger Bndnisses gegen Depression.