Das Coronavirus und der Hunger

  • VonManfred Niekisch

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Der Hunger nimmt weltweit massiv zu. Der entschlossene Umbau der Landwirtschaft und die Bekämpfung der Corona-Pandemie müssen Hand in Hand gehen. Die Kolumne.

Es gibt siebzehn Ziele für nachhaltige Entwicklung. Beschlossen wurden sie im September 2015 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Nach ihrer englischsprachigen Bezeichnung als „sustainable development goals“ werden sie auch im deutschen Fachjargon kurz als SDGs bezeichnet. Erreicht werden sollen sie bis 2030.

So steht in Ziel zwei, bis dahin solle der Hunger beendet und Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreicht werden. Doch da läuft gerade etwas gewaltig aus dem Ruder. Denn während in der Vorweihnachtszeit wie alle Jahre wieder der gesättigte Teil der Bevölkerung in Deutschland und anderen Industrienationen sich damit beschäftigt, die Zunahme des Winterspecks zu bejammern, für das nächste Jahr Besserung zu geloben und halbherzig schon mal eine Frühjahrsdiät ins Gespräch bringt, schlägt die „Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen“ (Undesa) Alarm.

Denn statt geringer zu werden – „abzunehmen“ wäre hier eine zynisch anmutende Wortwahl –, wächst die Zahl der Menschen, die Hunger leiden. Waren es zum Zeitpunkt des Beschlusses der SDGs rund 600 Millionen, stieg deren Zahl auf jetzt 720 bis 811 Millionen. Im Wesentlichen sei dieser Anstieg auf die weltweite Pandemie zurückzuführen, sagt Undesa. Und die Prognosen sind düster. Bis 2050 werden wohl weitere zwei Milliarden Menschen hinzukommen, die unterernährt sind. Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, spricht von 100 Millionen Kindern, die schon jetzt durch die Pandemie in die Armut abgerutscht seien. Armut zu beseitigen ist übrigens das erste SDG. Auch das dürfte bis 2030 glatt verfehlt werden.

Immer wieder hört man die Forderung nach Erschließung neuer Anbauflächen, um ausreichend Lebensmittel für die Ernährung der Weltbevölkerung produzieren zu können. Mit diesem Argument die Abholzung der Regenwälder oder die Umwandlung von verbliebenen Naturflächen in Ackerland zu begründen, zeugt von Unwissenheit oder, schlimmer, ist gezielte Desinformation, mit der profitgierige Wirtschaftsunternehmen, Magnaten und Politiker ihre Partikularinteressen verbrämen.

Wir müssten statt der Ausweitung der Äcker vielmehr die bestehenden Nutzflächen sinnvoller nutzen. Wo Mais angebaut wird zur Energiegewinnung, wo Monokulturen von Ölpalmen und Soja sich ausbreiten, wo fischreiche Mangrovenwälder plattgemacht werden für Shrimpszuchten, werden wertvolle Flächen einer nachhaltigen, sinnvollen Nutzung entzogen. Gleichzeitig entstehen nicht einmal Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung. Im Gegenteil gehen ihr Anbauflächen verloren. Bei uns werden fruchtbare Ackerböden nach wie vor verschwenderisch zugepflastert mit Baumärkten, Möbelhäusern und Siedlungen.

Wir brauchen global ein Umdenken in der Flächennutzung. Auf einmal wird auch klar, dass der grundlegende Umbau der Landwirtschaft und die konsequente Bekämpfung der Corona-Pandemie die zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, um für die Hungernden und Armen eine bessere Welt zu schaffen. Und selbstverständlich auch für uns, selbst wenn uns Weihnachtsgans, Lichterglanz und Lebkuchen zumindest saisonal darüber hinwegtäuschen.