“Corona befeuert Adipositas-Pandemie” | Nachrichten aus Ostwestfalen-Lippe

München/Paderborn. Soziale Isolation, existenzielle Ängste und mehr Stress durch Homeoffice und Distanzunterricht: 16 Monate Corona-Pandemie haben den Deutschen viel abverlangt und Spuren hinterlassen. Bemerkbar machen sich diese Spuren bei vielen auch auf der Waage. 40 Prozent der Deutschen haben in der Krise an Gewicht zugelegt und zwar ordentlich – im Durchschnitt 5,6 Kilogramm. Das geht aus einer Studie der Technischen Universität München hervor, die zeigt, dass sich durch die Krise Lebensstil und Lebensqualität vieler Menschen verschlechtert haben. Mit verheerenden Folgen: Nach Angaben der Studienautoren verstärkt die Corona-Pandemie die zunehmende Fettleibigkeit in der Bevölkerung in Deutschland.

Überdurchschnittlich häufig betroffen von der Gewichtszunahme in der Krise sind nach Angaben der Wissenschaftler Ulrike Schneider, Hans Hauner und Renate Oberhoffer-Fritz vom Else Kröner Fresenius Zentrum für Ernährungsmedizin an der TU München die 30- bis 44-Jährigen sowie fettleibige Menschen. Die Studie zeigt: Je höher der Body-Mass-Index (BMI) der Befragten, desto häufiger haben sie zugenommen. „Corona befeuert damit die Adipositas-Pandemie”, erklärt Ernährungsmediziner Hans Hauner. Denn die Befragten mit einem BMI von über 30 haben sogar überdurchschnittlich zugelegt – plus 7,2 Kilogramm.

Dadurch entsteht nach Einschätzung Hauners ein Teufelskreis, denn Adipositas gilt als Treiber der Corona-Pandemie. „Mit dem BMI steigt auch das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken und daran zu sterben.” Doch auch unabhängig von der Pandemie stellt Übergewicht ein großes Gesundheitsrisiko dar. Laut Hauner kostet zu hohes Gewicht in Deutschland jährlich etwa 80.000 bis 100.000 Menschen das Leben. „Der Kollateralschaden durch die Fokussierung auf das Coronavirus ist daher im Bereich der vielen lebensstilbedingten Krankheiten enorm.”

Emotionen führen zur Schokolade

Die Studie zeigt auch, dass sich die Gewichtszunahme nicht in allen Fällen auf ein verändertes Essverhalten zurückführen lässt. Denn über 60 Prozent der 1.000 befragten Männer und Frauen geben an, dass sie ihr Ernährungsverhalten in der Pandemie nicht grundlegend verändert haben. Dass der Großteil der Bevölkerung das Ernährungsverhalten in der Pandemie nicht angepasst hat, deuten auch erste Ergebnisse einer Studie der Universität Paderborn an. Im Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit erforschen Lars Libuda und Judith Bühlmeier mit Kooperationspartnern der Universitätskliniken Münster und Essen das Essverhalten der Bevölkerung in der Pandemie.

„Aktuell werten wir die Daten von 2.100 Studienteilnehmern aus. Die Daten scheinen anzudeuten, dass sich die Teilnehmer in drei Gruppen einteilen lassen, wovon nur in einer Gruppe ein großer Teil an Gewicht zugelegt hat”, erklärt Libuda, der im April die Professur für Ernährungswissenschaft von Helmut Heseker übernommen hat. „Die erste Gruppe hat das Essverhalten in der Pandemie nicht verändert. Die zweite Gruppe hat die Krise als Chance zur Umstellung auf eine gesundheitsorientierte Ernährung genutzt. Die dritte Gruppe hat sich bei der Nahrungsauswahl hingegen mehr durch ihre Emotionen leiten lassen und zum Beispiel mehr Süßigkeiten gegessen und gleichzeitig häufig an Gewicht zugenommen”, sagt Libuda, der vor seiner Tätigkeit in Paderborn als Juniorprofessor für Prävention und Therapie psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters durch Ernährung am LVR-Klinikum Essen an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen tätig war.

Zu wenig Bewegung

Die Ernährungswissenschaftler erforschen jedoch nicht nur das Essverhalten in der Pandemie, sondern auch die Gründe für Veränderungen. „Langeweile, Frust und andere Emotionen können beim Essen eine große Rolle spielen, insbesondere in Krisenzeiten”, erklärt Libuda, der im Sommer mit der Veröffentlichung der Studie rechnet. Das zeigt auch die Studie aus München: 33 Prozent der Befragten geben an, dass sie mehr Zeit zum Essen haben und deshalb häufiger aus Langeweile Süßigkeiten, Fastfood oder zuckergesüßte Getränke konsumieren. Betroffen sind davon laut Hauner vor allem Menschen, die sich psychisch belastet fühlen.

Ein weiterer Grund für die Gewichtszunahme ist laut der Studie Bewegungsmangel. 52 Prozent der Befragten bewegen sich seit Beginn der Krise weniger als vorher. Auch davon sind wieder überdurchschnittlich viele fettleibige Menschen betroffen – insgesamt 60 Prozent. Als Gründe für den Bewegungsmangel geben die Studienteilnehmer weniger Bewegungsmöglichkeiten im Alltag und geschlossene Turnhallen, Fitnessstudios und Schwimmbäder an. Eine aus Sicht der Forscher ebenfalls besorgniserregende Entwicklung. „Aktivität und Bewegung sind wichtig, um unsere Gesundheit und auch unser Wohlbefinden zu stärken”, erklärt Gesundheitswissenschaftlerin Renate Oberhoffer-Fritz. „Erwachsene sollten mindestens 150 Minuten pro Woche aktiv sein. Klassische Ausdauersportarten wie Radfahren, Laufen und Schwimmen bieten sich hier an.”