Bildung macht gesund – NÖN.at

Österreicherinnen und Österreicher sind durchschnittlich nur 57 Jahre ihres Lebens gesund – so das Fazit einer Eurostat-Studie 2019. Insbesondere Sportvereine und Politik beziehen sich gerne auf diese Zahl. Unter gesunden Lebensjahren versteht man jene Jahre, die ein Mensch aller Voraussicht nach in gutem gesundheitlichem Zustand verbringt. Mit 57 Jahren liegt Österreich im EU-Schnitt dabei im hinteren Drittel.

„Man muss zuerst überlegen, wie valide die Erhebung wirklich ist“, beruhigt Susanne Rabady von der Karl Landsteiner Uni vorerst. Denn: Natürlich hängen Gesunde Lebensjahre auch immer mit dem subjektiven Empfinden und kulturellen Unterschieden zusammen. „Was wir beobachten, ist ein Ost-West-Gefälle, etwa bei den Stoffwechselerkrankungen“, so Rabady weiter. In Wien, im Burgenland und auch in Niederösterreich gäbe es deutlich mehr Menschen mit Übergewicht. „Und damit auch mehr Menschen mit Folgeerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck“. Ob man gesund oder krank ist und bleibt, hänge laut Rabady jedoch eindeutig nicht nur von der Ernährung und dem Lebensstil ab.

Sozioökonomische Faktoren sind wichtig

Natürlich sei es wichtig, auf den Körper zu achten – wie etwa durch Bewegung und Ernährung, Verzicht aufs Rauchen – das reiche laut Rabady aber nicht aus. Entscheidend sei hier unter anderem die „Selbstsorge“ – also einerseits herauszufinden, was der Person körperlich, seelisch und emotional guttut und diese Dinge auch umzusetzen. Und außerdem: „Der sozioökonomische Status wird oft herausgelassen“, so die Medizinerin.

Dass soziökonomische Faktoren wie Bildung und Einkommen eine wesentliche Rolle für die Gesundheit spielen, bestätigt auch Public Health Experte Martin Sprenger. „Wenn Österreich viel Geld in frühe Bildung investieren würde, hätte dies günstige Auswirkungen auf die gesunden Lebensjahre“, so Sprenger.

Orientierung an Reparaturmedizin

Die unterdurchschnittlichen gesunden Lebensjahre in Österreich erklärt Bernhard Rupp, Leiter der Gesundheitspolitik der AK Niederösterreich, vorrangig mit der mangelnden Gesundheitskompetenz der Österreicher: „Das Wissen um gesundheitsförderliche Verhaltenweisen rund um Ernährung und Bewegung ist in Österreich leider nicht gut“.

Problematisch sei, dass in Österreich viel zu wenig in Gesundheitsförderung oder frühe Prävention investiert werden würde. „Wir orientieren uns immer noch zu stark an der Reparaturmedizin und lassen Menschen auf ihrem Weg in die Krankheit zu oft alleine. Hoffentlich schaffen wir bald den Sprung in die Unterstützung und Aufklärung“. Besonders Männer seien von der Problematik unterdurchschnittlicher gesunder Lebensjahren oft noch einmal stärker als Frauen betroffen. „Männer sind eher Vorsorgemuffel“, so Rupp, oft gäbe zusätzlich der tendenziell riskantere Lebensstil von Männern den Ausschlag.

Ungesunde Gesellschaft

2012 hat sich Österreich zehn Rahmengesundheitsziele gesetzt. „Wenn wir diese Ziele umsetzen würden, würden wir auch die Zahl der gesunden Lebensjahre erhöhen können“, so Sprenger. Tatsache sei jedoch, dass die Ziele kaum bekannt sind – und sich die Politik daher auch nicht zuständig fühle. Die Corona-Krise und die aktuellen Teuerungen würden sich noch einmal auf die Gesundheit vieler auswirken.

Bildung und Soziales haben und werden darunter leiden, „und das wird sich massiv auswirken. Wir triften sozial und gesellschaftlich weiter auseinander. Und eine ungleiche Gesellschaft ist auch eine ungesunde Gesellschaft“, erklärt Sprenger. Er befürchtet eine „nicht rosige Zukunft“. Für eine anhaltende Gesundheit müsste bereits in der Kindheit und Jugend ein gutes Fundament gebaut werden, das derzeit jedoch nicht bereitgestellt wird. „Wir schaffen es nicht, das große Bild zu sehen“, so Sprenger abschließend.