100 Jahre Insulin: Ein Hormon verändert die Welt

1921: Der Durchbruch in Toronto

Das Insulin war in seiner Wirkung schon länger bekannt. Aber es zu gewinnen, gelang den jungen Wissenschaftlern Frederick G. Banting und Charles H. Best 1921 als Erste. Um es auch in größeren Mengen herstellen zu können, suchten sie sich Mitstreiter: John James Rickard Macleod stellte sein Labor zur Verfügung und vermittelte den Kontakt zu Biochemiker James Bertram Collip. Er fand einen Weg, das Fremdeiweiß aus dem Insulin zu filtern, weil es sonst giftig war. Das hatten Versuche gezeigt. Ab 1923 verbreitete sich das Insulin in der Welt. Es wurde jahrzehntelang aus den Bauchspeicheldrüsen von Rindern und Schweinen gewonnen. Anfang der 80er Jahre gelang es, Insulin mittels gentechnisch veränderter Bakterien herzustellen. Es wird “Humaninsulin” genannt, weil es die gleiche Struktur wie das menschliche Hormon hat.

1930 gründete Gerhard Katsch auf Garz in Rügen ein Diabetikerheim. Das damals vorhandene Insulin wurde morgens und abends gespritzt. Es wirkt über einen Zeitraum von acht bis zwölf Stunden und erreichte seine volle Wirkung nach ein paar Stunden. Damit es in der Zeit nicht zur Unterzuckerung kam, aßen Diabetiker sechs Mahlzeiten am Tag.

Neben den Insulingaben lehrte Katsch die Betroffenen, ein System aus geregeltem Essen, Sport und Arbeit im Alltag zu integrieren. Dabei ging er sehr streng vor. Professor Wolfgang Kerner, von 1996 bis 2020 Direktor der Klinik für Diabetes und Stoffwechselkrankheiten am Klinikum Karlsburg, erinnert sich an Patienten-Akten aus den frühen 30er-Jahren. Darin hatte Katsch Kohlenhydrate, Fett und Eiweiß jeder Mahlzeit bei jedem Patienten Tag für Tag genau notiert. Das Diabetikerheim in Garz und ein später dazu kommendes zweites Haus in Putbus waren die Vorläufer der Klinik in Karlsburg. Diese konnte Gerhard Katsch nach Ende des Zweiten Weltkrieges aufbauen und dort die zentrale Diabetikerversorgung der DDR entwickeln.

Oft selbst Diabetiker: Betreuer, Schwestern und Ärzte

Die Zeit im Diabetikerheim Garz und später im Ferienlager in Putbus war für Kinder wie Silvia wichtig und prägend. Sie bekamen systematisch beigebracht, wie sie möglichst gesund leben können. Das regelmäßige Essen und Spritzen sollte die Folgeschäden des Insulinmangels im Körper möglichst lange vermeiden. Betreuer, Schwestern und Ärzte waren oft selbst Diabetiker und somit gleichzeitig Vorbilder. Die Aufenthalte brachten den Kindern aus allen Ecken der DDR die Gewissheit, dass sie nicht die einzigen waren, die sich einschränken und spritzen mussten. Freundschaften entstanden, die ein Leben lang halten.

Doch die Aufenthalte waren bei Silvia mit furchtbarem Heimweh vebunden, das sie als Kind bei den wochenlangen Aufenthalten im Diabetikerheim hatte. Auch das auf das Gramm genau zugeteilte Essen hat sich ihr tief eingeprägt. “Wir hatten immer Hunger”, erzählt sie. Die größeren Kinder, ab elf Jahren, fuhren in den Ferien in das Heim in Putbus. Sie durften auch allein unterwegs sein und so kam es, dass sich Silvia und ihre Freundinnen kiloweise Tomaten gegen den Hunger kauften. Die durften sie essen, die zählten nicht beim Ernährungsplan. “Karlsburg war damals rigoros”, erzählt Prof. Wolfgang Kerner, “Gerhard Katschs Strenge bei der Ernährung war legendär und blieb lange prägend.”

Für die Kinder war das Insulin zwar lebensrettend, aber auch mit Qual verbunden. Silvia hatte eine Glasspritze mit drei Nadeln und einen Topf dazu. Das Spritzbesteck wurde mehrmals in der Woche ausgekocht. Weihnachten bekamen die Geschwister Süßigkeiten – sie nicht. Wenn die anderen Kuchen bekamen, aß sie eine Bockwurst. Das Essen bei der Oma war für sie und ihre Geschwister etwas besonderes. Für sie ging das erst, als sie mit acht Jahren lernte, sich selbst zu spritzen. Das war schwer: “Man musste sich ja selbst weh tun!”

DDR: Mangelware Insulin

In der DDR war die Produktion von Insulin knapp. Es musste immer auch importiert werden, auch wenn von Anfang der 1960er-Jahre an intensiv versucht wurde, ohne die Lieferungen der feindlichen Nato-Länder auszukommen. Das selbst produzierte, gereinigte “Schweineinsulin” war aber gut verträglich, erzählt Wolfgang Kerner. Zum in den 1980er Jahren in der BRD produzierten Humaninsulin hatte es keinen Nachteil. Entscheidend war, so Kerner, dass in dieser Zeit die Wende in der Ernährungsdoktrin kam. Bereits zu Gerhard Katschs Zeiten gab es auch das Konzept, zu essen, was man wolle. “Freie Kost” nannte sich das und ging auf Karl Stolte zurück.

Er propagierte, den Zuckerspiegel im Urin zu messen und danach zu den Mahlzeiten die nötige Menge Insulin zu spritzen. Das war damals noch sehr aufwändig. Die “freie Kost” setzte sich auch deswegen erst 50 Jahre später durch. Heute wirkt das Insulin zum einen auf einem basalen Niveau ganztägig, und pro Mahlzeit kommt die zusätzlich benötigte Menge dazu. “Der Diabetiker muss nur lernen abzuschätzen, wie viele Kohlenhydrate er essen wird. Das muss nicht auf’s Gramm genau sein”, so Wolfgang Kerner. Schulungen sind für Diabetiker immer noch enorm wichtig, denn da der Körper eben seinen Insulinbedarf nicht selbst regeln kann, liegt die größte Gefahr in der Unterzuckerung.

Erinnerungen an ihre “Zuckerfreundinnen”

Silvia lebt seit vielen Jahren mit einer Insulinpumpe. Sich zu spritzen, ist damit nicht mehr nötig. Als Kind lernte sie, dass sie mit viel Disziplin vielleicht 35 Jahre alt werden könne – 62 sind es nun. Sie ist Krankenschwester geworden und als solche zu DDR-Zeiten noch selbst vier Wochen im Jahr nach Rügen gefahren, um im Heim wieder andere Kinder zu betreuen. Die “Zuckerfreundinnen”, die sie damals in den schweren Wochen fern von Zuhause kennengelernt hat, sind noch heute eine eingeschworene Gemeinschaft.